Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Einladung zum Lauschen

Drei (oder mehr) Berufe zu haben, ist toll. Mein Leben ist ein Tanz zwischen Technik und Mythen, zwischen Klausur am Schreibtisch und persönlichen, intensiven Kontakten, zwischen Organisieren und mich-Einlassen.

Klar, bringt mich das manchmal ins Schwitzen. Das ist auch gut so.

Im Augenblick tanze ich gerade mit der Kunst und freue mich, mein Märchenprogramm Russenkuss zu präsentieren. Ein Stückchen davon habe ich schon meiner Webcam erzählt. Guck mal …

Wenn du alles hören willst, dann komm am

22. Juni um 20 Uhr
ins Chapeau St. Georg, Lange Reihe 94, Hamburg

Deinen Platz reservierst du am besten per E-Mail, SMS oder Anruf (0172 211 94 82)

Bis bald!!!


Ein Kommentar

Zaubertüechli???

Eitelkeit und Faulheit – das ist eine teure Kombination. Und sie macht empfänglich für Geschichten. Genauer: Ich bin eitel genug, um die „sichtbaren Zeichen der Hautalterung“ in meinem Gesicht lästig zu finden. Und ich bin seit jeher zu faul, um mit Reinigungsmitteln, Tages-, Augen-, Nachtcremes, Peelings, Masken, Seren, Make-up usw. meine Haut an altersgemäßen Veränderungen zu hindern zu suchen oder diese Veränderungen geschickt zu vertuschen. Versuche dieser Art endeten meist mit Entsorgung halb geleerter, eingetrockneter Make-up-Tiegelchen oder sobald das erste Set der wärmstens angepriesenen, teuer erworbenen Kosmetikserie aufgebraucht war.

Dann kam der 13. Mai, es war also vor fast drei Wochen, als ich bei der Hausmesse der STARK-Ladys ausstellte. Mir gegenüber war der Stand, an dem ein sehr gepflegtes, ziemlich faltenfreies Ehepaar die Zaubertüechli eines Schweizer Herstellers präsentierte. Als die Besucherströme abebbten, ließ ich mir die Geschichte erzählen.

Der Schaffhauser Tüechli-Produzent hat eine Methode gefunden, getrocknete Wirkstoffe, die die Haut feucht, pickelfrei oder jung machen, in ein Tüchlein zu bannen. Feuchtet man das Tuch an und reibt mit der weichen Seite über Gesicht, Hals und Dekolletee (nicht vergessen!), wechseln die Wirkstoffe unmittelbar vom Tuch in die Haut. Das geht schneller und direkter als bei einer normalen Gesichtscreme, die zusammen mit den Wirkstoffen immer auch eine Art Trägersubstanz auf die Haut aufbringt, die zwar nötig ist, um die Wirkstoffe zusammenzuhalten, ihnen aber gleichzeitig das Eindringen in die und das Wirken in der Haut erschwert. Überdies sei die Reinigungswirkung des Tuchs gewaltig: Wenn man das Gesicht am Abend – und tatsächlich genüge eine Anwendung pro Tag – abreibe, sehe man den Schmutz, der sich über Tag auf der Haut abgelagert habe, ganz deutlich. Rosacea (hab ich nicht) verschwände damit innerhalb von zwei Wochen, Falten bräuchten etwas länger. Ihre eigenen Gesichter, so das Ehepaar, seien ja der beste Beweis. Allerdings hatten sie keine Beweisfotos aus der Zeit VOR den Zaubertüechli.

Brauchte ich auch nicht. Die Geschichte war gut genug, um meine Eitelkeit und Faulheit zu bedienen. Diese Tüechli musste ich haben. Es gab zur Erstbestellung der Monatspackung eine Wochenpackung gratis.

Ich benutze die Tüechli jetzt die dritte Woche – vielleicht zu früh, um nach Falten zu suchen, die weniger tief sind als am 13. Mai. Sicher ist: Das Tuch ist nach der Benutzung nicht grauer als vorher. Sollte die Luft in Neu-Allermöhe (West) und Umgebung so sauber sein?

Hast du Erfahrungen mit Zaubermitteln dieser Art? Erzähl’s mir und uns!


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Lesetipp: Lars Vollmer

Ich lese nicht so häufig Blogs und Kolumnen. Sorry! Manchmal lasse ich mich aber  verführen, und so bin ich irgendwann bei einem Sprach- und Gedankenverführer gelandet, bei Lars Vollmer. Diesen Beitrag hatte ich heute in meiner Mailbox … und ich teile ihn mit dem klaren Ziel, dich auch zum Lesen und Denken zu verführen.

Der letzte Satz des Beitrags lautet übrigens:

Der Komplexität gerecht werden, indem die Sprache präzise wird, ist eine Form des Erwachsenseins.

I like http://larsvollmer.com/planung-ist-fuer-kinder-ueber-die-macht-der-flutschbegriffe/


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Unschuldige Geschichten?

Als ich im September 2009 das Erzählen lernen wollte, war schnell klar: Kurse, in denen ich lernen sollte, mit Geschichten zu lehren oder gar zu heilen, schieden aus. Ich wollte unterhalten. Punkt. Der Lehrer meiner Wahl versprach: Nach unserem Lehrgang kannst du das Telefonbuch spannend erzählen. Das wollte ich!

Dann kam der Abschlussabend der Erzählausbildung am 6. Mai 2010: Ich erzählte (m)eine Geschichte auf Basis der Ballade „Nis Randers“ von Otto Ernst und beobachtete fasziniert, dass Leute nach ihren Taschentüchern kramten. Hoppla! Meine Geschichte hatte nicht nur unterhalten – sie hatte berührt. Darauf war ich stolz. Denn wenn ich ganz ehrlich war, hatte mich eine berührende Geschichte, erzählt von Mary Alice Arthur überhaupt zum Erzählen gebracht.

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen
(Jorge Bucay)

Geschichten können nicht nicht wirken

Welche Geschichten wähle ich aus, wenn ich ein Erzählprogramm zusammenstelle? Solche, die mich berühren, die mir sagen: „Erzähl mich!“ Die Geschichten wirken auf mich, und oft sehe ich, dass sie auch auf das Publikum wirken. Menschen schmunzeln, lachen, runzeln die Stirn, wischen sich eine Träne ab. Oft erzählen sie mir später, dass eine Geschichte sie an ein Erlebnis erinnert hat, oder sie teilen eine Meinung oder gar eine Erkenntnis. Manche erzählen es mir gleich, andere kommen Jahre später auf etwas zurück, das von mir gehört haben. Manche erzählen gar nichts.

Mein Wunsch, „nur“ zu unterhalten, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Diskussion im Open Forum bei der Konferenz Beyond Storytelling (und die Wiederbegegnung mit Mary Alice) am letzten Wochenende haben es mir wieder klar vor Augen geführt:

  1. Die Geschichte „in aller Unschuld“ gibt es nicht. Sie wirkt immer
  2. Ich habe keinen Einfluss darauf, ob und wie eine Geschichte bei Zuhörerinnen und Zuhörern wirkt

Geschichten hören

Das Gleiche gilt beim Hinhören. Ob eine Kollegin auf der Bühne erzählt, ob wir im Erzählcafé über unser Leben plaudern, ob ich in einem Halbsatz erfahre, dass ein lieber Freund seinen langjährigen Begleiter in den Hundehimmel entlassen musste, oder ob mir der Kunde eines Kunden erläutert, warum seine Firma sich ausgerechnet für diese Simulationssoftware entschieden hat – jede Geschichte wirkt auf mich. Höre ich genau das, was mein Gegenüber rüberbringen wollte? Nehme ich etwas anderes oder viel mehr oder viel weniger wahr (= als wahr annehme) als das, was gesagt wird? Keine Ahnung!

Was heißt das, auch für dein Erzählen?

  1. Wenn ich eine Absicht habe (ja, das kommt vor!), muss ich mir darüber vollkommen im Klaren sein. Vor allem darf ich nicht so tun, als hätte ich keine
  2. Oft wird ein Erzählabend dann richtig spannend, wenn die Interaktion (die ja auch während der „Performance“ stattfindet) im Gespräch hörbar wird
  3. Auch wenn du kein Erzählkünstler bist, erzählst du Geschichten über deine Arbeit, deine Familie, deine Hoffnungen, deine Träume, deine Ängste. Auch diese Geschichten wirken, und es ist gut, hin und wieder nachzufragen, wie sie wirken
  4. Wenn du Geschichten hörst und spürst, dass sie bei dir etwas auslösen, lass es die Person wissen, die sie dir erzählt hat. Und freu dich auf neue Erkenntnisse
  5. Vor allem aber: Erzähle. Und hör hin.

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Sechs Monate in Neu-Allermöhe West (Moments/Augenblicke 1)

Woran denkst du, wenn du „blau“ liest oder hörst? Und wann in deinem Leben hast du gelernt, dass „blau“ „blau“ ist? – Zwei einfache Fragen, und vielleicht liest du schon gar nicht mehr weiter, weil du ganz in deiner eigenen Geschichte gefangen bist.

Um Augenblicke, in denen man zum Beispiel erstmals erlebt, was „blau“ ist, ging es in dem Seminar, das mich gestern und vorgestern gefangen genommen hat. Ich verspreche: In den nächsten Wochen wirst du eine Menge darüber erfahren, was ich in den zwei Tagen gelernt habe. Zunächst mal: Eine Geschichte beginnt mit Augenblicken.

Grund genug, ein paar Lernaugenblicken mit dir zu teilen. Seit sechs Monaten und neun Tagen habe ich eine deutsche Adresse. Und obwohl vieles in meinem Leben noch so ist, wie es vorher war, hat sich auch unglaublich viel verändert.

Allein die Zahl der Menschen, die ich neu kennengelernt habe, lässt mich einen Moment (sic!) lang erzittern. Überschlägig werden es etwa 70 Leute sein, von deren Existenz ich letzten Oktober noch nichts gewusst habe und die ich nun mehr oder weniger regelmäßig treffe, mit denen ich telefoniere, e-maile, whatsAppe und die ich um Hilfe bitte, wenn ich Hilfe brauche. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Gleichzeitig gibt es Menschen, die ich unbedingt treffen wollte, wenn ich dann endlich hier „oben“ wohne. Und – o Wunder! – das hat noch nicht geklappt.

Gelernt habe ich auch, wie unendlich kompliziert das Steuer- und Sozialversicherungssystem in Deutschland ist. Besonders dann, wenn du als Einzelunternehmerin Dinge tust, die unterschiedlich vermehrwertsteuert werden, und wenn du mehrwertsteuerpflichtige und mehrwertsteuerbefreite Firmen sowie Privatleute in der Schweiz als Kunden hast. Liebe Leserin, lieber Leser in der Schweiz, bitte setze alles daran, dass die Schweizer Systeme noch einfacher und für die Bürgerinnen und Bürger transparenter werden. Aber: Jammere nicht!!!

Ich habe auch gelernt, dass ich wohl gar kein Stadtmensch bin. Klar, wer in Neu-Allermöhe West wohnt, wohnt nicht in Hamburg, auch wenn die Postadresse das vermuten lässt. In Bergedorf (die Stadt hier nebenan, die auch offiziell Hamburg ist) fühlt man sich erst recht nicht als Hamburger und tickt – wenn ich’s richtig wahrnehme – beinahe schweizerisch. Würde ich wirklich in Eimsbüttel, Altona oder Ottensen wohnen wollen? Oder zieht es mich noch weiter nach draußen, dorthin, wo es grün und still(er) ist? Ach?!?!

Ich habe gelernt, dass – bitte, liebe Mutter Erde, verzeih mir – ich so gerne Auto fahren, dass ich nicht auf meinen fahrbaren Untersatz verzichten möchte und superfroh über meinen schwarzweißen Flitzer bin.

Ich habe gelernt, was mich (noch immer) ganz schnell und sehr nachhaltig aus der Bahn werfen kann. Und – hallelujah! – was mich wieder zurückholt; nicht in die Spur, sondern dorthin, wo ich neue Wege überblicken kann.

Es geht um Augenblicke. Um Augenblicke, die zu Geschichten werden. Manchmal sind solche Augenblicke eben „blue“.

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Frauentag. Weil’s gerade passt …

8. März, Frauentag, und ich bin nicht vorbereitet. Dabei gibt es doch Themen genug. Ein wenig frustriert greife ich zu meinem neuen, uralten Geschichtenbuch «Der Kreis der Lügner» von Jean-Claude Carriére und finde eine Sufi-Geschichte:

Ein Sultan hörte von einem großen Scheich, der in Anatolien lebte und Hunderttausende getreuer Untertanen hatte. Der Sultan war erschreckt von dieser Zahl und spürte deren Bedrohlichkeit, so dass er den Scheich nach Istanbul rufen ließ und ihn fragte:

«Was höre ich da? Du hast Hunderttausende, die bereit sind, für dich zu sterben?»

«Aber nein», antwortete der Scheich. «Ich habe nur eineinhalb.»

«Warum erzählt man mir dann, dass du das ganze Land erheben könntest? Wir werden sehen! All deine Untertanen sollen sich morgen früh auf der Wiese vor der Stadt versammeln.»

Überall wurde ausgerufen, dass die Getreuen des Scheichs sich am nächsten Morgen auf der Wiese versammeln sollten, weil der Scheich höchstpersönlich dort sein würde.

Auf einer Anhöhe, von der aus man die Wiese überblicken konnte, ließ der Scheich ein Zelt errichten. Ins Zelt brachte er ein paar Schafe, aber so, dass niemand sie sehen konnte.

Die Getreuen kamen in Scharen. Der Sultan, der mit dem Scheich vor dem Zelt stand, sagte: «Du hast behauptet, nur eineinhalb Getreue zu haben. Sieh hin! Sie sind zu Tausenden, ja, zu Zehntausenden gekommen!»

«Du wirst sehen – ich habe nur einen Getreuen», antwortete der Scheich. «Sag ihnen, ich hätte ein Verbrechen begangen, und du wirst mich hinrichten lassen, wenn sich nicht einer meiner Getreuen für mich opfert.»

Der Sultan nickte und verkündete. Doch schnell trat ein Mann vor und sprach laut: «Der Scheich ist mein Herr. Alles, was ich weiß und habe, verdanke ich ihm. Ich gebe für ihn mein Leben.»

Er ging auf die Anhöhe hinauf, wurde ins Zelt geführt, und dort schnitt man einem der Schafe die Kehle durch. Jeder konnte sehen, wie das Blut aus dem Zelt floss.

Da sprach der Sultan: «Ein Leben genügt nicht. Ein weiterer Getreuer muss sich für den Scheich opfern, damit ich sein Leben verschone.»

Es war still auf der Wiese. Totenstill. Da trat eine Frau vor: «Er ist es wert zu leben. Ich opfere mich gern für ihn.»

Auch sie ging die Anhöhe hinauf und wurde ins Zelt geführt. Und wieder schnitt man einem Schaf die Kehle durch. Die Menge sah das Blut fließen und begann, sich langsam, aber sicher zu zerstreuen. Schon bald war die Wiese leer.

«Da siehst du’s», sagte der Scheich zum Sultan. «Anderthalb Getreue.»

«Der Mann ist ein ganzer Getreuer und die Frau ein halber?», wollte der Sultan wissen.

«Im Gegenteil», antwortete der Scheich. «Der Mann wusste nicht sicher, dass man ihm im Zelt die Kehle durchschneiden würde. Doch die Frau hat das Blut gesehen und ist dennoch gekommen. Sie ist die wahre Getreue.»


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Ein Lob des Lobs des Lobens

Vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag ist mein Frühstück ein besonderes Ereignis. Dann liegt nämlich der «Andere Adventskalender» neben meiner Tee- oder Kaffeetasse, und nach dem ersten Schluck geht’s los: Ich blättere um und schlage die Doppelseite für den heutigen Tag auf. Zuerst betrachte ich das Bild – ein Foto, eine Illustration, eine Kollage. Dann lese ich den Text, und zwar Wort für Wort von links oben nach rechts unten. Ich gebe mir große Mühe, den Namen der Verfasserin / des Verfassers erst ganz zum Schluss zu lesen.

Heute auch. Heute las ich ein Lob des Lobens. Wie schwierig und gleichzeitig bereichernd es sei, Menschen einfach so zu loben: Die Kassiererin im Supermarkt für ihr Tempo, die Frau im Café für ihre Schuhe, den Mann, an dessen Garten man vorbeispaziert, für seine Rosen. Wer immer den Text geschrieben hatte, hatte das Loben in New York gelernt.

Ja, das mit dem Loben, die Freude am Loben und die Noch-mehr-Freude am Gelobt-Werden, kenne ich auch. Ich hab das nicht in New York gelernt, sondern in der Schweiz. Nein, Herr und Frau Schweizer loben nur in äußersten (äusserten!) Ausnahmefällen auf der Straße oder im Supermarkt. Aber sie klatschen am Ende eines Volleyballtrainings Beifall, sie suchen nach dem Vortrag oder dem Seminar eher nach guten als nach mäßigen Punkten. Vermutlich geschieht das nicht aus Freude am Lob, sondern eher, weil das öffentliche Kritisieren so unangenehm ist.

Nur: Wenn du dich bewusst auf die guten, schönen, stimmigen Seiten einer Situation oder eines Menschen konzentrierst, bekommst du bessere Laune. Plötzlich kommen ein Lächeln, ein Danke oder gar ein Lob zurück. Dann wird’s richtig schön, und Loben macht richtig Spaß.

Die Autorin des heutigen Beitrags im Anderen Adventskalender ist übrigens Meike Winnemuth. Die (besser: deren Buch «Das große Los») habe ich hier am 9. Juli schon mal gelobt. Heute tu ich’s wieder. Danke, Meike, toller Text!