Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten

Offener Brief an die Redaktion des Migros-Magazins

4 Kommentare

Redaktion Migros-Magazin, Limmatstrasse 152, Postfach 1766, 8031 Zürich

((Mehr zum Hintergrund der ganzen Geschichte findest du weiter unten))

Sehr geehrte Damen und Herren

Was für eine schöne und wertvolle Idee, der Erzählkunst eine Plattform zu bieten! Dabei mit dem Thema Märchen zu beginnen und eine Nachfolgerin / einen Nachfolger für Trudi Gerster zu suchen, war ebenso naheliegend. Frau Gerster ist und bleibt für viele Menschen in der Schweiz die Erzählerin schlechthin. Auch dass Sie die „Königswahl“ nach den tatsächlichen oder vermuteten technischen Pannen abgebrochen haben, beeindruckt mich.

Doch ich bitte Sie von Herzen, Ihren angekündigten Schritt gründlich zu überdenken. Wenn Sie Kinderpublikum als Jury einsetzen, schaden Sie der Erzählkunst mehr, als dass Sie ihr nützen, denn …

  1. Märchen sind keine Kindergeschichten. Sie wurden ursprünglich von Erwachsenen für Erwachsene erzählt. Erst durch die Gebrüder Grimm fanden sie den Weg in die Kinderstuben. „Die drei goldenen Schlüssel“ erschliessen sich in ihrer Symbolik eher einem erwachsenen Publikum als einem kindlichen.
  2. Der Anspruch an die künstlerische Darbietung ist bei Kindern und Erwachsenen völlig unterschiedlich. Ihr Vorhaben wird dazu führen, dass sich „erwachsenengerechte“ Erzählerinnen und Erzähler nicht profilieren können. Erzählkunst als Kunst für Kleine wird in der Schublade von heute stecken bleiben.
  3. Erzählkunst umfasst weit mehr als das Erzählen von klassischen Märchen. Die z. T. exzellenten Erzählkünstlerinnen und Erzählkünstler in der Schweiz unterhalten ihr Publikum auch mit Mythen und Sagen, mit Nacherzählungen aus Poesie und Prosa-Literatur, mit autobiografischen und selbst verfassten Stoffen.

 

Liebe Redaktion, das Migros Magazin hat einen enormen Einfluss auf die Wahrnehmung und Meinung der Schweizerinnen und Schweizer. Da Sie sich zum Ziel gesetzt haben, die Erzählkunst als Kunstform bekannt(er) zu machen, ist jetzt die Zeit für einen mutigen Schritt. Die Erzählkünstler, die Geschichtenfans und alle, die das eine und/oder andere werden möchten, danken es Ihnen.

Roswitha Menke, Geschichtenerzählerin/Erzähllehrerin, Bern
http://www.tausendundzwei.ch, http://www.roswithamenke.ch
roswitha@tausendundzwei.ch

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So weit mein Brief an die Migros. Für alle, die die ganze Geschichte kennen möchten, hier noch ein wenig Hintergrund:

Die Migros, eine der grössten Einzelhandelsketten in der Schweiz, ist nicht zuletzt durch ihre Stiftung Kulturprozent eine wichtige Mitspielerin auf dem Schweizer Kulturmarkt. Das wöchentlich erscheinende Migros-Magazin informierte am 6. Januar: „Das Migros-Magazin sucht mit dem Landesmuseum die neue Märlistimme der Schweiz. 20 Kandidatinen und Kandidaten erzählen das Bündner Märchen «Die drei goldenen Schlüssel».“ Die Erzählkünstlerinnen und Erzählkünstler präsentierten sich und ihr Märchen auf der Webseite entweder mit einem Video oder einer Audiodatei.

Schon am 11. Januar fragte die Aargauer Zeitung „Neue Märchenkönigin: Riesen-Bschiss bei Online-Abstimmung?“ Anscheinend waren Stimmverteilung und Zunahmetempo der Stimmen für einzelne Kandidatinnen und Kandidaten suspekt. Die erste Teilnehmerin hatte sich bereits von der Abstimmung zurückgezogen.

Bild

Am 16. Januar brach die Migros das Online-Voting ab. Sie informiert auf der Webseite zur Abstimmung:

„Leider wurden im Verlaufe des Onlinevotings Manipulationsvorwürfe laut. Eine Kandidatin zog sich deshalb aus dem Wettbewerb zurück. Da sich die Ereignisse in den letzten Tagen verschärft haben und wir aktuell nicht mehr hinter dem Ergebnis stehen können, haben wir beschlossen, das Voting abzubrechen.

Wir entschuldigen uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten und wissen das Engagement der Kandidaten und Abstimmenden zu schätzen. Unser Anliegen war es, der Erzählkunst eine Plattform zu bieten und die wunderbare Welt der Märchen bei den Menschen in Erinnerung zu rufen. Schade, dass die Technik diesem Wettbewerb den Zauber genommen hat. Mit einem derartigen Ansturm hatte niemand gerechnet.

In einem zweiten Anlauf werden die eingeschickten Videos und Audiofiles nun von ausgewählten Kindergarten- und Schulklassen aus verschiedenen Regionen bewertet. Kinder sind ja bekanntlich die fairste Jury. Und so hoffen wir auf einen klassischen Märchenschluss: Ende gut, alles gut!“

Die Seite im Migros-Magazin ist erreichbar unter http://www.migrosmagazin.ch/menschen/portraet/artikel/maerchenkoenigin-kandidaten-1

Autor: Roswitha Menke

Roswitha ist im richtigen Leben Texterin, Erzählerin, Trau-Frau. Wenn du wirkungsvolle Worte für deine PR-Arbeit und Werbung suchst, bist du bei ihr richtig. Auch wenn du für deine Konferenz oder dein Fest jemanden suchst, der ungewöhnliche Geschichten mitreißend erzählt, ist sie die Richtige. Sie leitet außerdem Trau- und Abschiedszeremonien - herzlich und einfühlsam. Mehr über ihr Angebot findest du auf www.roswithamenke.de.

4 Kommentare zu “Offener Brief an die Redaktion des Migros-Magazins

  1. ein guter und wichtiger hinweis, hier zumindest für eine bessere differenzierung zu werben!

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  2. //Die Antwort vom Migros-Magazin zum offenen Brief ging per auch E-Mail an Roswitha Menke.

    Es freut uns sehr, dass Ihnen die Idee gefällt, Märchen zu fördern. Nach den Vorkommnissen rund um das Voting mussten wir schnell reagieren. Innert eines halben Tages mussten eine Lösung finden und diese kommunizieren. Gewiss verstehen wir Ihre Argumente, dass Märchen nicht nur Kindergeschichten sind, sondern sich teilweise auch an Erwachsene richten. Zur Erklärung: Unsere Idee war, eine möglichst unvoreingenommen und unabhängige „Jury“ zu finden. Und wer ist da besser geeignet, als zahlreiche Kinderohren und –augen?

    Es ist sicher keine optimale Lösung. Aber wir sind überzeugt, dass die besten Märchenstimmen der Schweiz ihre Geschichten gerne Kindern erzählen. Nichtsdestotrotz werden wir am am Ende des Tages davon absehen, einen eindeutigen Märchenkönig zu küren, weil wir kein faires und eindeutiges Voting garantieren konnten.

    Herzliche Grüsse
    Reto Vogt fürs Migros-Magazin

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    • Danke, Herr Vogt, für Ihre schnelle Reaktion. Insbesondere Ihr letzter Satz beruhigt mich: Sie werden keinen eindeutigen Märchenkönig küren. Das ist fein.

      Ich bleibe hingegen dabei:

      1. Märchen richten sich VOR ALLEM an Erwachsene
      2. Kinder sind nicht unvoreingenommen und unabhängig. Vor allem dann nicht, wenn sie sich 20mal das gleiche Märchen in unterschiedlichen Erzählvarianten anhören müssen, dürfen, sollen.

      Zum Glück ist die Erzählkunstszene in der Schweiz in Bewegung, und Sie haben auf jeden Fall dazu beigetragen, dass mehr Menschen diese Bewegung wahrnehmen. Bleiben Sie dran!

      Herzliche Grüsse zurück
      Roswitha Menke

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