Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Zeitreisen. Vor und zurück.

BruderKlaus

Wilhelm Busch: Der unsichtbare Schäfer

Es riefen mal drei Zwerge
Vor einem hohlen Berge:
»Vater Klaus, Vater Klaus,
Wirf Hütchen heraus!«
Und eins, zwei, drei im selben Nu
Fliegt jedem Zwerg ein Hütchen zu.

Für mein Erzählprogramm „Balladensch(w)atz“ ist aus „Vater Klaus“ „Bruder Klaus“ geworden, weil ich im Wallis so manchem Bruder-Klaus-Kapellchen über den Weg gelaufen bin. Wenn man das üerhaupt so sagen kann – schließlich stehen die Kapellchen am Weg, und manchmal sogar auch ein bisschen versteckt. Als ich letztens in der Kirche in Ernen war, stand Bruder Klaus schon dort, mit seinem Stab und der Gebetskette, und schaute an mir vorbei. Aufgefallen ist er mir trotzdem. Nur, seine Einladung hatte ich immer noch nicht angenommen.

Dazu musste ich erst auf dem Rückweg von München nach Obergerlafingen Pause in St. Gallen machen. Trotz 23 Jahren in der Schweiz war ich zum ersten Mal dort. Bruder Klaus war da auch in einem Pavillon aus Holz, Stahl, Stoff – für zwei Tage bloß, als habe er auf mich gewartet!

Meine Neugier war geweckt. Als ein leiser Gong ertönt, betrete ich den Pavillon und komme in die erste aus drei dünnen grauen Vorhängen und einer Holzwand bestehenden Kammer. Ich setze mich auf den Stuhl. Noch lassen sich schemenhaft die Vorgänge auf dem Platz erkennen, ich höre nicht nur, was draußen gesprochen wird, ich verstehe es auch. Doch schon bin ich ein bisschen entrückt.

Nach dem nächsten Gong geht es durch einen Schlitz im Vorhang in die nächste Kammer. Der Stuhl „schaut“ zur anderen Seite. Die Stimmen von draußen werden leiser. Gedanken kommen. Wie lebe ich? Wie hat Nikolaus von Flüe gelebt, auf den ich noch treffen werde? Wie werden die Menschen leben, wenn sie in 100 Jahren die Kugel öffnen und die Texte aus alter Zeit lesen werden?

Gong. Dritte Kammer. Der Stuhl steht so wie der erste. Nach kurzer Zeit tritt leise eine Frau mit einem großen Korb ein. Tasche, Schmuck, Schuhe wandern hinein. Unbelastet von allem scheinbar Notwendigen soll ich reisen. Draußen beginnt es zu regnen. Hat Nikolaus von Flüe den Regen auch so gehört? Oder klang Regen damals anders? Bis zum nächsten Gong reist mein Geist 600 Jahre lang rückwärts, 100 Jahre lang vorwärts. Wie war das? Wie wird das sein? Wie wäre es, tatsächlich einen Blick werfen zu können.

Die Holzwand in der vierten Kammer ist anscheinend eine Tür. Im oberen Drittel ist eine Schlaufe aus weißem Gurtband befestigt. Tatsächlich tritt von der Seite eine Frau ein, öffnet die Tür und lässt mich in einen mit dunklem Teppichboden vollständig ausgekleideten Raum eintreten. Da steht er, aus Holz geschnitzt, auf einem Sockel. Wenn er wirklich so ausgesehen hat, hat man früher vielleicht gesagt, sein Gesicht sehe aus wie aus Holz geschnitzt. Er schaut mich nicht an, lässt sich betrachten. Wir sind beide nicht mehr in der Zeit. Ich könnte noch lange so stehen. Der Gong ertönt zu bald, die Tür öffnet sich. Die Begegnung ist vorbei.

Eine Stoffkammer, ein Stuhl, der Korb mit meinen Sachen.

Vier kleine Zellen. Ich darf mir eine aussuchen. Ein Stuhl, ein Tisch, auf dem Tisch ein DIN-A5-Block, ein Bleistift. Ich darf schreiben, so lange ich will. Mit dem letzten Strich wird der Lärm von draußen anscheinend wieder lauter. Es regnet noch immer. Mein Papier fällt in die kupferne Kugel. 100 Jahre sollst du schlafen! Ob die Spuren unserer Bleistifte auf dem Papier dann noch zu entziffern sind? Ob noch jemand unsere Handschriften lesen kann? Ob es jemanden interessiert?

Ein bisschen orientierungslos gehe ich durch den Regen. Weil ich zum ersten Mal in St. Gallen bin? Oder weil ich gerade von einer langen Zeitreise zurückkomme?

Nikolaus reist gerade durch die Schweiz. Wenn er bei dir vorbeikommt, besuch ihn doch mal. Oder reise ganz absichtsvoll hin. Es lohnt sich: http://www.mehr-ranft.ch/projekte/niklaus-von-fluee-unterwegs/

 


Ein Kommentar

Zaubertüechli???

Eitelkeit und Faulheit – das ist eine teure Kombination. Und sie macht empfänglich für Geschichten. Genauer: Ich bin eitel genug, um die „sichtbaren Zeichen der Hautalterung“ in meinem Gesicht lästig zu finden. Und ich bin seit jeher zu faul, um mit Reinigungsmitteln, Tages-, Augen-, Nachtcremes, Peelings, Masken, Seren, Make-up usw. meine Haut an altersgemäßen Veränderungen zu hindern zu suchen oder diese Veränderungen geschickt zu vertuschen. Versuche dieser Art endeten meist mit Entsorgung halb geleerter, eingetrockneter Make-up-Tiegelchen oder sobald das erste Set der wärmstens angepriesenen, teuer erworbenen Kosmetikserie aufgebraucht war.

Dann kam der 13. Mai, es war also vor fast drei Wochen, als ich bei der Hausmesse der STARK-Ladys ausstellte. Mir gegenüber war der Stand, an dem ein sehr gepflegtes, ziemlich faltenfreies Ehepaar die Zaubertüechli eines Schweizer Herstellers präsentierte. Als die Besucherströme abebbten, ließ ich mir die Geschichte erzählen.

Der Schaffhauser Tüechli-Produzent hat eine Methode gefunden, getrocknete Wirkstoffe, die die Haut feucht, pickelfrei oder jung machen, in ein Tüchlein zu bannen. Feuchtet man das Tuch an und reibt mit der weichen Seite über Gesicht, Hals und Dekolletee (nicht vergessen!), wechseln die Wirkstoffe unmittelbar vom Tuch in die Haut. Das geht schneller und direkter als bei einer normalen Gesichtscreme, die zusammen mit den Wirkstoffen immer auch eine Art Trägersubstanz auf die Haut aufbringt, die zwar nötig ist, um die Wirkstoffe zusammenzuhalten, ihnen aber gleichzeitig das Eindringen in die und das Wirken in der Haut erschwert. Überdies sei die Reinigungswirkung des Tuchs gewaltig: Wenn man das Gesicht am Abend – und tatsächlich genüge eine Anwendung pro Tag – abreibe, sehe man den Schmutz, der sich über Tag auf der Haut abgelagert habe, ganz deutlich. Rosacea (hab ich nicht) verschwände damit innerhalb von zwei Wochen, Falten bräuchten etwas länger. Ihre eigenen Gesichter, so das Ehepaar, seien ja der beste Beweis. Allerdings hatten sie keine Beweisfotos aus der Zeit VOR den Zaubertüechli.

Brauchte ich auch nicht. Die Geschichte war gut genug, um meine Eitelkeit und Faulheit zu bedienen. Diese Tüechli musste ich haben. Es gab zur Erstbestellung der Monatspackung eine Wochenpackung gratis.

Ich benutze die Tüechli jetzt die dritte Woche – vielleicht zu früh, um nach Falten zu suchen, die weniger tief sind als am 13. Mai. Sicher ist: Das Tuch ist nach der Benutzung nicht grauer als vorher. Sollte die Luft in Neu-Allermöhe (West) und Umgebung so sauber sein?

Hast du Erfahrungen mit Zaubermitteln dieser Art? Erzähl’s mir und uns!


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Lesetipp: Lars Vollmer

Ich lese nicht so häufig Blogs und Kolumnen. Sorry! Manchmal lasse ich mich aber  verführen, und so bin ich irgendwann bei einem Sprach- und Gedankenverführer gelandet, bei Lars Vollmer. Diesen Beitrag hatte ich heute in meiner Mailbox … und ich teile ihn mit dem klaren Ziel, dich auch zum Lesen und Denken zu verführen.

Der letzte Satz des Beitrags lautet übrigens:

Der Komplexität gerecht werden, indem die Sprache präzise wird, ist eine Form des Erwachsenseins.

I like http://larsvollmer.com/planung-ist-fuer-kinder-ueber-die-macht-der-flutschbegriffe/


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Unschuldige Geschichten?

Als ich im September 2009 das Erzählen lernen wollte, war schnell klar: Kurse, in denen ich lernen sollte, mit Geschichten zu lehren oder gar zu heilen, schieden aus. Ich wollte unterhalten. Punkt. Der Lehrer meiner Wahl versprach: Nach unserem Lehrgang kannst du das Telefonbuch spannend erzählen. Das wollte ich!

Dann kam der Abschlussabend der Erzählausbildung am 6. Mai 2010: Ich erzählte (m)eine Geschichte auf Basis der Ballade „Nis Randers“ von Otto Ernst und beobachtete fasziniert, dass Leute nach ihren Taschentüchern kramten. Hoppla! Meine Geschichte hatte nicht nur unterhalten – sie hatte berührt. Darauf war ich stolz. Denn wenn ich ganz ehrlich war, hatte mich eine berührende Geschichte, erzählt von Mary Alice Arthur überhaupt zum Erzählen gebracht.

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen
(Jorge Bucay)

Geschichten können nicht nicht wirken

Welche Geschichten wähle ich aus, wenn ich ein Erzählprogramm zusammenstelle? Solche, die mich berühren, die mir sagen: „Erzähl mich!“ Die Geschichten wirken auf mich, und oft sehe ich, dass sie auch auf das Publikum wirken. Menschen schmunzeln, lachen, runzeln die Stirn, wischen sich eine Träne ab. Oft erzählen sie mir später, dass eine Geschichte sie an ein Erlebnis erinnert hat, oder sie teilen eine Meinung oder gar eine Erkenntnis. Manche erzählen es mir gleich, andere kommen Jahre später auf etwas zurück, das von mir gehört haben. Manche erzählen gar nichts.

Mein Wunsch, „nur“ zu unterhalten, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Diskussion im Open Forum bei der Konferenz Beyond Storytelling (und die Wiederbegegnung mit Mary Alice) am letzten Wochenende haben es mir wieder klar vor Augen geführt:

  1. Die Geschichte „in aller Unschuld“ gibt es nicht. Sie wirkt immer
  2. Ich habe keinen Einfluss darauf, ob und wie eine Geschichte bei Zuhörerinnen und Zuhörern wirkt

Geschichten hören

Das Gleiche gilt beim Hinhören. Ob eine Kollegin auf der Bühne erzählt, ob wir im Erzählcafé über unser Leben plaudern, ob ich in einem Halbsatz erfahre, dass ein lieber Freund seinen langjährigen Begleiter in den Hundehimmel entlassen musste, oder ob mir der Kunde eines Kunden erläutert, warum seine Firma sich ausgerechnet für diese Simulationssoftware entschieden hat – jede Geschichte wirkt auf mich. Höre ich genau das, was mein Gegenüber rüberbringen wollte? Nehme ich etwas anderes oder viel mehr oder viel weniger wahr (= als wahr annehme) als das, was gesagt wird? Keine Ahnung!

Was heißt das, auch für dein Erzählen?

  1. Wenn ich eine Absicht habe (ja, das kommt vor!), muss ich mir darüber vollkommen im Klaren sein. Vor allem darf ich nicht so tun, als hätte ich keine
  2. Oft wird ein Erzählabend dann richtig spannend, wenn die Interaktion (die ja auch während der „Performance“ stattfindet) im Gespräch hörbar wird
  3. Auch wenn du kein Erzählkünstler bist, erzählst du Geschichten über deine Arbeit, deine Familie, deine Hoffnungen, deine Träume, deine Ängste. Auch diese Geschichten wirken, und es ist gut, hin und wieder nachzufragen, wie sie wirken
  4. Wenn du Geschichten hörst und spürst, dass sie bei dir etwas auslösen, lass es die Person wissen, die sie dir erzählt hat. Und freu dich auf neue Erkenntnisse
  5. Vor allem aber: Erzähle. Und hör hin.

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Frauentag. Weil’s gerade passt …

8. März, Frauentag, und ich bin nicht vorbereitet. Dabei gibt es doch Themen genug. Ein wenig frustriert greife ich zu meinem neuen, uralten Geschichtenbuch «Der Kreis der Lügner» von Jean-Claude Carriére und finde eine Sufi-Geschichte:

Ein Sultan hörte von einem großen Scheich, der in Anatolien lebte und Hunderttausende getreuer Untertanen hatte. Der Sultan war erschreckt von dieser Zahl und spürte deren Bedrohlichkeit, so dass er den Scheich nach Istanbul rufen ließ und ihn fragte:

«Was höre ich da? Du hast Hunderttausende, die bereit sind, für dich zu sterben?»

«Aber nein», antwortete der Scheich. «Ich habe nur eineinhalb.»

«Warum erzählt man mir dann, dass du das ganze Land erheben könntest? Wir werden sehen! All deine Untertanen sollen sich morgen früh auf der Wiese vor der Stadt versammeln.»

Überall wurde ausgerufen, dass die Getreuen des Scheichs sich am nächsten Morgen auf der Wiese versammeln sollten, weil der Scheich höchstpersönlich dort sein würde.

Auf einer Anhöhe, von der aus man die Wiese überblicken konnte, ließ der Scheich ein Zelt errichten. Ins Zelt brachte er ein paar Schafe, aber so, dass niemand sie sehen konnte.

Die Getreuen kamen in Scharen. Der Sultan, der mit dem Scheich vor dem Zelt stand, sagte: «Du hast behauptet, nur eineinhalb Getreue zu haben. Sieh hin! Sie sind zu Tausenden, ja, zu Zehntausenden gekommen!»

«Du wirst sehen – ich habe nur einen Getreuen», antwortete der Scheich. «Sag ihnen, ich hätte ein Verbrechen begangen, und du wirst mich hinrichten lassen, wenn sich nicht einer meiner Getreuen für mich opfert.»

Der Sultan nickte und verkündete. Doch schnell trat ein Mann vor und sprach laut: «Der Scheich ist mein Herr. Alles, was ich weiß und habe, verdanke ich ihm. Ich gebe für ihn mein Leben.»

Er ging auf die Anhöhe hinauf, wurde ins Zelt geführt, und dort schnitt man einem der Schafe die Kehle durch. Jeder konnte sehen, wie das Blut aus dem Zelt floss.

Da sprach der Sultan: «Ein Leben genügt nicht. Ein weiterer Getreuer muss sich für den Scheich opfern, damit ich sein Leben verschone.»

Es war still auf der Wiese. Totenstill. Da trat eine Frau vor: «Er ist es wert zu leben. Ich opfere mich gern für ihn.»

Auch sie ging die Anhöhe hinauf und wurde ins Zelt geführt. Und wieder schnitt man einem Schaf die Kehle durch. Die Menge sah das Blut fließen und begann, sich langsam, aber sicher zu zerstreuen. Schon bald war die Wiese leer.

«Da siehst du’s», sagte der Scheich zum Sultan. «Anderthalb Getreue.»

«Der Mann ist ein ganzer Getreuer und die Frau ein halber?», wollte der Sultan wissen.

«Im Gegenteil», antwortete der Scheich. «Der Mann wusste nicht sicher, dass man ihm im Zelt die Kehle durchschneiden würde. Doch die Frau hat das Blut gesehen und ist dennoch gekommen. Sie ist die wahre Getreue.»


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Ein Lob des Lobs des Lobens

Vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag ist mein Frühstück ein besonderes Ereignis. Dann liegt nämlich der «Andere Adventskalender» neben meiner Tee- oder Kaffeetasse, und nach dem ersten Schluck geht’s los: Ich blättere um und schlage die Doppelseite für den heutigen Tag auf. Zuerst betrachte ich das Bild – ein Foto, eine Illustration, eine Kollage. Dann lese ich den Text, und zwar Wort für Wort von links oben nach rechts unten. Ich gebe mir große Mühe, den Namen der Verfasserin / des Verfassers erst ganz zum Schluss zu lesen.

Heute auch. Heute las ich ein Lob des Lobens. Wie schwierig und gleichzeitig bereichernd es sei, Menschen einfach so zu loben: Die Kassiererin im Supermarkt für ihr Tempo, die Frau im Café für ihre Schuhe, den Mann, an dessen Garten man vorbeispaziert, für seine Rosen. Wer immer den Text geschrieben hatte, hatte das Loben in New York gelernt.

Ja, das mit dem Loben, die Freude am Loben und die Noch-mehr-Freude am Gelobt-Werden, kenne ich auch. Ich hab das nicht in New York gelernt, sondern in der Schweiz. Nein, Herr und Frau Schweizer loben nur in äußersten (äusserten!) Ausnahmefällen auf der Straße oder im Supermarkt. Aber sie klatschen am Ende eines Volleyballtrainings Beifall, sie suchen nach dem Vortrag oder dem Seminar eher nach guten als nach mäßigen Punkten. Vermutlich geschieht das nicht aus Freude am Lob, sondern eher, weil das öffentliche Kritisieren so unangenehm ist.

Nur: Wenn du dich bewusst auf die guten, schönen, stimmigen Seiten einer Situation oder eines Menschen konzentrierst, bekommst du bessere Laune. Plötzlich kommen ein Lächeln, ein Danke oder gar ein Lob zurück. Dann wird’s richtig schön, und Loben macht richtig Spaß.

Die Autorin des heutigen Beitrags im Anderen Adventskalender ist übrigens Meike Winnemuth. Die (besser: deren Buch «Das große Los») habe ich hier am 9. Juli schon mal gelobt. Heute tu ich’s wieder. Danke, Meike, toller Text!


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 2

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Was heißt eigentlich „immaterielles Kulturerbe“?

guntis-spuk

Guntis Pakalns ist nicht nur Geschichtenerzähler mit einer erklärten Schwäche für Spukgeschichten (Achtung, zweimal lettisch: https://www.youtube.com/watch?v=3Bd4-Cf8xGE oder https://www.youtube.com/watch?v=azm0vHU8kmE), er beschäftigt sich als Wissenschaftler im Institut für Literatur, Folklore und Kunst an der Universität Lettlands (http://www.lfmi.lu.lv/?setl=2auch) intensiv mit dem Forschen und Sammeln von traditionellen Geschichten (http://www.lettische-presseschau.de/politik/lettland/739-2014-02-05-20-09-09).

Die Weltgeschichte hat den Lettinnen und Letten übel mitgespielt, nur selten war Lettland ein Land, eine Nation. Umso wichtiger ist es den Menschen heute, ihre Traditionen zu pflegen – Folklore ist kein nettes oder gar kitschiges Hobby, Folklore ist lebenswichtig, um die eigene Geschichte, die kulturelle Einbettung zu verstehen und fortzuführen. Dass „immaterielles Kulturerbe“ weit mehr ist als ein akademischer Begriff, sondern etwas für das Selbstverständnis der Menschen Wichtiges und Greifbares (http://www.unesco.lv/files/unesco_web_a931d609.pdf), habe ich erst in diesen Tagen verstanden.

Im Gegensatz zum mündlichen Erzählen sind in Lettland Musik, Volksgedichte und Volkslieder (die Dainas) viel wichtiger als Volkserzählungen (http://www.latvia.eu/de/culture/latvian-folksongs-dainas). Und doch: Was geschehen ist und was heute noch geschieht, muss als Teil der lettischen Kultur anerkannt und weitererzählt werden. Darum  bemühen sich Guntis Pakalns und andere Wissenschaftler, wie die Philosophin z. B. Māra Mellēna, die seit 1989 das Jugendfestival „Pulkā eimu, pulkā teku“ und im Nationalzentrum für Erziehung für den Bereich Volkskunst zuständig ist.

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Māra hat ein Netzwerk von Storytelling-Bibliotheken (http://www.stastubibliotekas.com/storytelling-libraries/) gegründet, und viele der beteiligten Bibliothekarinnen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Museen bilden den „harten Kern“ der am Festival in Valmiera Beteiligten – hinter der Bühne, auf der Bühne und im Publikum.