Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Ein Lob des Lobs des Lobens

Vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag ist mein Frühstück ein besonderes Ereignis. Dann liegt nämlich der «Andere Adventskalender» neben meiner Tee- oder Kaffeetasse, und nach dem ersten Schluck geht’s los: Ich blättere um und schlage die Doppelseite für den heutigen Tag auf. Zuerst betrachte ich das Bild – ein Foto, eine Illustration, eine Kollage. Dann lese ich den Text, und zwar Wort für Wort von links oben nach rechts unten. Ich gebe mir große Mühe, den Namen der Verfasserin / des Verfassers erst ganz zum Schluss zu lesen.

Heute auch. Heute las ich ein Lob des Lobens. Wie schwierig und gleichzeitig bereichernd es sei, Menschen einfach so zu loben: Die Kassiererin im Supermarkt für ihr Tempo, die Frau im Café für ihre Schuhe, den Mann, an dessen Garten man vorbeispaziert, für seine Rosen. Wer immer den Text geschrieben hatte, hatte das Loben in New York gelernt.

Ja, das mit dem Loben, die Freude am Loben und die Noch-mehr-Freude am Gelobt-Werden, kenne ich auch. Ich hab das nicht in New York gelernt, sondern in der Schweiz. Nein, Herr und Frau Schweizer loben nur in äußersten (äusserten!) Ausnahmefällen auf der Straße oder im Supermarkt. Aber sie klatschen am Ende eines Volleyballtrainings Beifall, sie suchen nach dem Vortrag oder dem Seminar eher nach guten als nach mäßigen Punkten. Vermutlich geschieht das nicht aus Freude am Lob, sondern eher, weil das öffentliche Kritisieren so unangenehm ist.

Nur: Wenn du dich bewusst auf die guten, schönen, stimmigen Seiten einer Situation oder eines Menschen konzentrierst, bekommst du bessere Laune. Plötzlich kommen ein Lächeln, ein Danke oder gar ein Lob zurück. Dann wird’s richtig schön, und Loben macht richtig Spaß.

Die Autorin des heutigen Beitrags im Anderen Adventskalender ist übrigens Meike Winnemuth. Die (besser: deren Buch «Das große Los») habe ich hier am 9. Juli schon mal gelobt. Heute tu ich’s wieder. Danke, Meike, toller Text!


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 2

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Was heißt eigentlich „immaterielles Kulturerbe“?

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Guntis Pakalns ist nicht nur Geschichtenerzähler mit einer erklärten Schwäche für Spukgeschichten (Achtung, zweimal lettisch: https://www.youtube.com/watch?v=3Bd4-Cf8xGE oder https://www.youtube.com/watch?v=azm0vHU8kmE), er beschäftigt sich als Wissenschaftler im Institut für Literatur, Folklore und Kunst an der Universität Lettlands (http://www.lfmi.lu.lv/?setl=2auch) intensiv mit dem Forschen und Sammeln von traditionellen Geschichten (http://www.lettische-presseschau.de/politik/lettland/739-2014-02-05-20-09-09).

Die Weltgeschichte hat den Lettinnen und Letten übel mitgespielt, nur selten war Lettland ein Land, eine Nation. Umso wichtiger ist es den Menschen heute, ihre Traditionen zu pflegen – Folklore ist kein nettes oder gar kitschiges Hobby, Folklore ist lebenswichtig, um die eigene Geschichte, die kulturelle Einbettung zu verstehen und fortzuführen. Dass „immaterielles Kulturerbe“ weit mehr ist als ein akademischer Begriff, sondern etwas für das Selbstverständnis der Menschen Wichtiges und Greifbares (http://www.unesco.lv/files/unesco_web_a931d609.pdf), habe ich erst in diesen Tagen verstanden.

Im Gegensatz zum mündlichen Erzählen sind in Lettland Musik, Volksgedichte und Volkslieder (die Dainas) viel wichtiger als Volkserzählungen (http://www.latvia.eu/de/culture/latvian-folksongs-dainas). Und doch: Was geschehen ist und was heute noch geschieht, muss als Teil der lettischen Kultur anerkannt und weitererzählt werden. Darum  bemühen sich Guntis Pakalns und andere Wissenschaftler, wie die Philosophin z. B. Māra Mellēna, die seit 1989 das Jugendfestival „Pulkā eimu, pulkā teku“ und im Nationalzentrum für Erziehung für den Bereich Volkskunst zuständig ist.

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Māra hat ein Netzwerk von Storytelling-Bibliotheken (http://www.stastubibliotekas.com/storytelling-libraries/) gegründet, und viele der beteiligten Bibliothekarinnen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Museen bilden den „harten Kern“ der am Festival in Valmiera Beteiligten – hinter der Bühne, auf der Bühne und im Publikum.


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Auf Sand

Sylt. Ein Euro und ein paar Zerquetschte für den Durchgang zum Strand. Shoppingkaffeeproseccoschickimicki bleibt zurück. Stufen runter, und das Meer ist in der Mehrheit. Davor Sand. Sand zum Drauflaufen. So trocken, dass man einsinkt, die Körnchen füllen unweigerlich die Schuhe, dann feucht und fest, unter den Sohlen knirschen Muscheln. Schade drum, vorsichtig auftreten. Dann nass, weich, schaumbedeckt. Nasse Füße nur duch Nichthingehen zu vermeiden.

Geradeaus weitergehen, lebensmüde Idee, bis das Rauschen lauter wird als Hundegebell und Babygeschrei. Was wäre die letzte Geschichte?

Rømø. Übern Damm und immer geradeaus, nicht anhalten, wenn der Sand beginnt, aber dorthin fahren, wo die anderen auch sind. Wer an den weichen Stellen einsinkt, wird gerettet und viel Geld los. Sand ist wie Eis: Vollgas plus Handbremse gleich Pirouette. Oder abgewürgter Motor, schon okay. Aussteigen schwierig, der Wind treibt eine Sandwand Richtung Nordosten, die Körchen füllen unweigerlich den Mund, schenken der Haut eine natürliche Schälkur, zerkratzen die Brille.

Sich in den Wind legen, abgehobene Idee, bis das Rauschen lauter wird als die Handbremsenpirouetten. Wohin würde er mich tragen?

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Zukunft. Nicht für Euros zu haben, nicht mit dem schnellsten Auto zu erreichen. Was, wenn sie nicht auf Sand gebaut wäre?


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Kannichnich, und …

Was Klavier- und Golfspielen gemeinsam haben? Na ja: Ich durfte die 50 (deutlich) überschreiten, um erst mit dem einen, dann mit dem anderen zu beginnen.

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Blöderweise bin ich in beiden Disziplinen alles andere als ein Naturtalent. Im Gegenteil. Und da ich nicht so viel Aufwand ins Üben stecke, wie ich vielleicht müsste, sind Fortschritte nur schwer auszumachen.

Noch vor zehn Jahren hätte ich Klavier und Golf ganz schnell in der Schublade «interessiert mich doch nicht» verstaut. Jetzt bleibe ich dran. Mehr noch: Es macht sogar Spaß! Der Dank dafür geht erst mal an meine geduldigen Lehrenden: Elisabeth, Alec, Sebastian geben mir nie das Gefühl zu versagen, weil ich nur langsam weiterkomme.

Ich muss ihnen nichts beweisen, dir, euch und Ihnen nichts und mir selbst schon gar nichts. Also genieße ich, was ich tue, und freue mich von Herzen an kleinen Dingen. Das müssen nicht einmal Erfolge sein: die morgendliche, nur vom Nieselregen unterbrochene Stille auf dem Golfplatz, die glatten Klaviertasten unter meinen Fingern.

Konzentration auf das, was ich gerade tue, und das Gedankenkarussell im Kopf steht still. Aktive Meditation. Freude statt Ehrgeiz. Spaß am Kannichnich. Vielleicht muss frau dazu wirklich erst die 50 überschreiten.


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Nicht Berg. Nicht Tal.

Es scheint, als seien die Winterstürme vorbei. Ich höre beim Aufwachen nicht mehr, wie das Wetter ist. Dafür kann ich es sehen, denn vor meinem Fenster sind grüne Plissee Rollos gespannt, durch die ich wahlweise das Licht von oben, von unten, von oben und unten und gar nicht reinlassen kann. Ich habe mich für die Variante «von oben» entschieden und sehe deshalb den Morgenhimmel. Heute nur leicht bewölkt, darüber frühlingsblau.

Zeit, endlich mal runterzukommen. Waltraud hat Meditation empfohlen. Gute Idee. Aber bitte nicht still sitzend.

Ich gehe . Links der Deich, dahinter Windräder. Weit, weit vor mir winzig klein der Hindenburgdamm, über den der Autozug wie ein Tausendfüßler dahinkriecht. Rechts das Watt. Vogelreich. Norden ist, wenn man mittwochs sieht, wer sonntags zu Besuch kommt.

Wie lange ich laufe, könnte ich an der Zahl der Tausendfüßler weit vor mir auf dem Damm errechnen. Die Windräder strecken nur noch die Spitzen der Rotorblätter über den Deich. Seit mehr als einer Stunde bin ich unterwegs. Links der Deich, rechts das Watt. Vogelreich. Ich drehe mich um, schaue zurück: rechts der Deich, links das Watt. Vogelreich.

Gehen, gehen, gehen. Die Landschaft ändert sich nur ganz behutsam. Wie wäre sie wohl ohne Windräder, ohne den Damm nach Sylt?

Ich denke an Wanderungen im Berner Oberland, im Wallis, an den Sonntagsspaziergang auf den Berner Hausberg, den Gurten. Da gehst du keine fünf Minuten, und schon sieht die Welt anders aus: Ein Tal eröffnet neue Ein-, eine Anhöhe neue Ausblicke. Geradezu hektisch!

Der Weg führt den Deich hinauf. Koog. Vogelreicher. Flach. Wenn man den Windrädern den Rücken zudreht, weit. Sehr weit. Man könnte mittwochs sehen, wer sonntags zu Besuch kommt. Ich atme durch.

Wo kein Berg ist und kein Tal, kommt man gut runter.


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Hier ist es grau, aber …

Das, was ich hier vor dem Fenster sehe, möchte ich euch gar nicht zeigen. Es ist ziemlich grau, und auch der Busch mit seinen geradezu ausschlagenden Blättern heitert mich nicht auf. Das hat jedoch Ursula geschafft, die auf facebook heute diesen Link geteilt hat:

https://artedeablog.wordpress.com/2016/03/13/eine-kleine-geschichte-zu-den-oster-eiern/

Da wünsch‘ ich doch mal von Herzen frohes Ostereier-Bemalen!


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Aua ;)

Steffi von gegenüber hat mir ihre Monatskarte geliehen. Toll, die Dinger sind übertragbar und man kann sie ganz legal teilen. Aber auf die Idee muss man erstmal kommen, der neuen, temporären Nachbarin so ein Angebot zu machen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar und froh, dass die Karte in meiner Tasche steckt, denn möglicherweise ist es ziemlich kompliziert, eine Fahrkarte zu lösen. Im Nebel stoße ich auf dem Bahnsteig auf einen Fahrkartenautomaten:

20160219_090457  Ein wichtiger Hinweis!

Mein Blick wandert nach Süden, da bewegt sich etwas Graues in der Luft auf der anderen Seite der Gleise. Nach zweimal Hinschauen erkenne ich, dass dort ein Windrad steht, dessen Rotorblätter nur dann durchs Nebelweiß blinzeln, wenn sie nach unten zeigen.

O je. Wäre ich nicht um 10 Uhr mit Linde verabredet, stände ich jetzt nicht hier. Aber Micaela hat gesagt, wenn du schon auf Sylt bist, dann solltest du dich auch mit Linde verabreden. Doch, doch, ihr habt bestimmt genug Gesprächsstoff. Also hab ich geschrieben und mich einladen lassen. 10 Uhr in Westerland, in einem Wohnviertel nördlich vom Bahnhof.

In Klanxbüll muss ein Engel eingestiegen sein, anders ist es nicht möglich. Man sieht gerade ein paar Sträucher und Bäume am Ende des Damms, da guckt schon die Sonne raus. Über Westerland lacht der Himmel. Eben, so als sei ein Engel unterwegs.

Wir sprechen über Märchen. Wir sprechen übers Erzählen. Die schmale Dame mit den fast weißen Haaren und den lebendigen Augen wirkt, als sei sie selbst einem Märchen entstiegen. Eine Frau, die der suchenden Heldin den Weg weist, ihr einen magischen Gegenstand in die Hand drückt, ihr sagt, dass alles gut wird. Anderthalb Stunden vergehen wie im Flug, meine Tasche ist danach schwerer: Die Önereersken von Sylt stecken – mit einer liebevollen Widmung versehen – drin und als Dreingabe das Praxisbuch Märchen. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, während ich zum Bahnhof zurücklaufe und beim Herrn Leksus, er kommt aus Polen, erfahre ich später, ein gelbes Fahrrad miete. Gemütlich sieht es es aus mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker.

Dieses Mal fahre ich Richtung Norden, lasse Häuser links und rechts liegen, für die mir nur das Adjektiv schmuck einfällt. Lasse mir am Empfang vom Campingplatz sagen, dass ich hier selbstverständlich nicht weiterkönne, dazu habe man an der Einfahrt schließlich eine Schranke angebracht. Und dann radle ich durch die Dünen, die Dünen, die Dünen. Zwischendurch geht’s angenehm bergab, ein leichter Rückenwind schiebt mich an. Warum sollte ich die rund 20 Kilometer bis zum Ellenbogen nicht schaffen?

Es scheint, als habe das Radfahren meine verstopfte Nase freigepustet. Zum ersten Mal rieche ich Seeluft. Am liebsten würde ich mich in den Sand legen und mich zuwehen lassen. Aber der Sand ist feucht und kühl und ich bin ja so vernünftig.

Für den Hinweg habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Wenn der Rückweg genauso schnell geht, bin ich in Westerland, bevor der Herr Leksus seinen Laden wieder aufmacht. Das wäre blöd. Petrus in seiner himmlischen Wetterstation muss das gehört und verständnisvoll genickt haben. Er lässt die Sonne am Himmel stehen und schickt nur ein bisschen Wind. Keinen Rückenwind, wohlgemerkt. Auf dem gemütlichen gelben Rad mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker sitzt frau voll IM Wind. Und was ich auf dem Hinweg als „angenehm bergab“ empfunden habe, zeigt mir jetzt, wie lange ich tatsächlich nicht mehr Fahrrad gefahren bin. Au Mann, aua!

Das Pärchen, mit dem ich am Strand ein paar Worte gewechselt hatte, überholt mich mit Schwung. Mein Atem reicht für: „Sie sind aber fit!“ Die Antwort ist tröstlich und gut fürs Selbstbewusstsein: „Wir haben ja auch einen Motor.“

Wo gibt’s in Kampen den besten Kaffee? Jemand, der wie ein Einheimischer aussieht, schickt mich zur Kupferkanne: „Da kann man toll draußen sitzen, und die ham groooße S-tücken Kuchen.“ Genau das brauche ich jetzt.

Und Petrus? Der findet meine Pause anscheinend völlig unangemessen und schiebt mal schnell eine Wolke vor die Sonne. Freundlicherweise wartet er mit dem ersten Regenschauersprühstoß, bis ich meinen Kuchen – Pflaumenkuchen mit Sahne, mhm! – fast aufgegessen habe. Kaum sitze ich, gut verpackt in der zweiten Jacke, die den ganzen Tag über in der Tasche geblieben war, Schal, Mütze und Handschuhen wieder auf meinem gelben Stahlross mit dem unglaublich harten schwarzen Sattel, schiebt Petrus die Wolke wieder weg. Als ich in Westerland beim Herrn Leksus vom Rad taumele, bin ich ein bisschen verschwitzt.

Gemächlich schlendere ich zum Bahnhof. Der Zug nach Klanxbüll fährt in acht Minuten. Ich versuche, mich aufs Märchenbuch zu konzentrieren. Keine Chance. Nicht schlimm, der Tag war märchenhaft genug.