Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Auf Sand

Sylt. Ein Euro und ein paar Zerquetschte für den Durchgang zum Strand. Shoppingkaffeeproseccoschickimicki bleibt zurück. Stufen runter, und das Meer ist in der Mehrheit. Davor Sand. Sand zum Drauflaufen. So trocken, dass man einsinkt, die Körnchen füllen unweigerlich die Schuhe, dann feucht und fest, unter den Sohlen knirschen Muscheln. Schade drum, vorsichtig auftreten. Dann nass, weich, schaumbedeckt. Nasse Füße nur duch Nichthingehen zu vermeiden.

Geradeaus weitergehen, lebensmüde Idee, bis das Rauschen lauter wird als Hundegebell und Babygeschrei. Was wäre die letzte Geschichte?

Rømø. Übern Damm und immer geradeaus, nicht anhalten, wenn der Sand beginnt, aber dorthin fahren, wo die anderen auch sind. Wer an den weichen Stellen einsinkt, wird gerettet und viel Geld los. Sand ist wie Eis: Vollgas plus Handbremse gleich Pirouette. Oder abgewürgter Motor, schon okay. Aussteigen schwierig, der Wind treibt eine Sandwand Richtung Nordosten, die Körchen füllen unweigerlich den Mund, schenken der Haut eine natürliche Schälkur, zerkratzen die Brille.

Sich in den Wind legen, abgehobene Idee, bis das Rauschen lauter wird als die Handbremsenpirouetten. Wohin würde er mich tragen?

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Zukunft. Nicht für Euros zu haben, nicht mit dem schnellsten Auto zu erreichen. Was, wenn sie nicht auf Sand gebaut wäre?


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Kannichnich, und …

Was Klavier- und Golfspielen gemeinsam haben? Na ja: Ich durfte die 50 (deutlich) überschreiten, um erst mit dem einen, dann mit dem anderen zu beginnen.

Klavier

Blöderweise bin ich in beiden Disziplinen alles andere als ein Naturtalent. Im Gegenteil. Und da ich nicht so viel Aufwand ins Üben stecke, wie ich vielleicht müsste, sind Fortschritte nur schwer auszumachen.

Noch vor zehn Jahren hätte ich Klavier und Golf ganz schnell in der Schublade «interessiert mich doch nicht» verstaut. Jetzt bleibe ich dran. Mehr noch: Es macht sogar Spaß! Der Dank dafür geht erst mal an meine geduldigen Lehrenden: Elisabeth, Alec, Sebastian geben mir nie das Gefühl zu versagen, weil ich nur langsam weiterkomme.

Ich muss ihnen nichts beweisen, dir, euch und Ihnen nichts und mir selbst schon gar nichts. Also genieße ich, was ich tue, und freue mich von Herzen an kleinen Dingen. Das müssen nicht einmal Erfolge sein: die morgendliche, nur vom Nieselregen unterbrochene Stille auf dem Golfplatz, die glatten Klaviertasten unter meinen Fingern.

Konzentration auf das, was ich gerade tue, und das Gedankenkarussell im Kopf steht still. Aktive Meditation. Freude statt Ehrgeiz. Spaß am Kannichnich. Vielleicht muss frau dazu wirklich erst die 50 überschreiten.


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Nicht Berg. Nicht Tal.

Es scheint, als seien die Winterstürme vorbei. Ich höre beim Aufwachen nicht mehr, wie das Wetter ist. Dafür kann ich es sehen, denn vor meinem Fenster sind grüne Plissee Rollos gespannt, durch die ich wahlweise das Licht von oben, von unten, von oben und unten und gar nicht reinlassen kann. Ich habe mich für die Variante «von oben» entschieden und sehe deshalb den Morgenhimmel. Heute nur leicht bewölkt, darüber frühlingsblau.

Zeit, endlich mal runterzukommen. Waltraud hat Meditation empfohlen. Gute Idee. Aber bitte nicht still sitzend.

Ich gehe . Links der Deich, dahinter Windräder. Weit, weit vor mir winzig klein der Hindenburgdamm, über den der Autozug wie ein Tausendfüßler dahinkriecht. Rechts das Watt. Vogelreich. Norden ist, wenn man mittwochs sieht, wer sonntags zu Besuch kommt.

Wie lange ich laufe, könnte ich an der Zahl der Tausendfüßler weit vor mir auf dem Damm errechnen. Die Windräder strecken nur noch die Spitzen der Rotorblätter über den Deich. Seit mehr als einer Stunde bin ich unterwegs. Links der Deich, rechts das Watt. Vogelreich. Ich drehe mich um, schaue zurück: rechts der Deich, links das Watt. Vogelreich.

Gehen, gehen, gehen. Die Landschaft ändert sich nur ganz behutsam. Wie wäre sie wohl ohne Windräder, ohne den Damm nach Sylt?

Ich denke an Wanderungen im Berner Oberland, im Wallis, an den Sonntagsspaziergang auf den Berner Hausberg, den Gurten. Da gehst du keine fünf Minuten, und schon sieht die Welt anders aus: Ein Tal eröffnet neue Ein-, eine Anhöhe neue Ausblicke. Geradezu hektisch!

Der Weg führt den Deich hinauf. Koog. Vogelreicher. Flach. Wenn man den Windrädern den Rücken zudreht, weit. Sehr weit. Man könnte mittwochs sehen, wer sonntags zu Besuch kommt. Ich atme durch.

Wo kein Berg ist und kein Tal, kommt man gut runter.


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Hier ist es grau, aber …

Das, was ich hier vor dem Fenster sehe, möchte ich euch gar nicht zeigen. Es ist ziemlich grau, und auch der Busch mit seinen geradezu ausschlagenden Blättern heitert mich nicht auf. Das hat jedoch Ursula geschafft, die auf facebook heute diesen Link geteilt hat:

https://artedeablog.wordpress.com/2016/03/13/eine-kleine-geschichte-zu-den-oster-eiern/

Da wünsch‘ ich doch mal von Herzen frohes Ostereier-Bemalen!


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Aua ;)

Steffi von gegenüber hat mir ihre Monatskarte geliehen. Toll, die Dinger sind übertragbar und man kann sie ganz legal teilen. Aber auf die Idee muss man erstmal kommen, der neuen, temporären Nachbarin so ein Angebot zu machen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar und froh, dass die Karte in meiner Tasche steckt, denn möglicherweise ist es ziemlich kompliziert, eine Fahrkarte zu lösen. Im Nebel stoße ich auf dem Bahnsteig auf einen Fahrkartenautomaten:

20160219_090457  Ein wichtiger Hinweis!

Mein Blick wandert nach Süden, da bewegt sich etwas Graues in der Luft auf der anderen Seite der Gleise. Nach zweimal Hinschauen erkenne ich, dass dort ein Windrad steht, dessen Rotorblätter nur dann durchs Nebelweiß blinzeln, wenn sie nach unten zeigen.

O je. Wäre ich nicht um 10 Uhr mit Linde verabredet, stände ich jetzt nicht hier. Aber Micaela hat gesagt, wenn du schon auf Sylt bist, dann solltest du dich auch mit Linde verabreden. Doch, doch, ihr habt bestimmt genug Gesprächsstoff. Also hab ich geschrieben und mich einladen lassen. 10 Uhr in Westerland, in einem Wohnviertel nördlich vom Bahnhof.

In Klanxbüll muss ein Engel eingestiegen sein, anders ist es nicht möglich. Man sieht gerade ein paar Sträucher und Bäume am Ende des Damms, da guckt schon die Sonne raus. Über Westerland lacht der Himmel. Eben, so als sei ein Engel unterwegs.

Wir sprechen über Märchen. Wir sprechen übers Erzählen. Die schmale Dame mit den fast weißen Haaren und den lebendigen Augen wirkt, als sei sie selbst einem Märchen entstiegen. Eine Frau, die der suchenden Heldin den Weg weist, ihr einen magischen Gegenstand in die Hand drückt, ihr sagt, dass alles gut wird. Anderthalb Stunden vergehen wie im Flug, meine Tasche ist danach schwerer: Die Önereersken von Sylt stecken – mit einer liebevollen Widmung versehen – drin und als Dreingabe das Praxisbuch Märchen. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, während ich zum Bahnhof zurücklaufe und beim Herrn Leksus, er kommt aus Polen, erfahre ich später, ein gelbes Fahrrad miete. Gemütlich sieht es es aus mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker.

Dieses Mal fahre ich Richtung Norden, lasse Häuser links und rechts liegen, für die mir nur das Adjektiv schmuck einfällt. Lasse mir am Empfang vom Campingplatz sagen, dass ich hier selbstverständlich nicht weiterkönne, dazu habe man an der Einfahrt schließlich eine Schranke angebracht. Und dann radle ich durch die Dünen, die Dünen, die Dünen. Zwischendurch geht’s angenehm bergab, ein leichter Rückenwind schiebt mich an. Warum sollte ich die rund 20 Kilometer bis zum Ellenbogen nicht schaffen?

Es scheint, als habe das Radfahren meine verstopfte Nase freigepustet. Zum ersten Mal rieche ich Seeluft. Am liebsten würde ich mich in den Sand legen und mich zuwehen lassen. Aber der Sand ist feucht und kühl und ich bin ja so vernünftig.

Für den Hinweg habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Wenn der Rückweg genauso schnell geht, bin ich in Westerland, bevor der Herr Leksus seinen Laden wieder aufmacht. Das wäre blöd. Petrus in seiner himmlischen Wetterstation muss das gehört und verständnisvoll genickt haben. Er lässt die Sonne am Himmel stehen und schickt nur ein bisschen Wind. Keinen Rückenwind, wohlgemerkt. Auf dem gemütlichen gelben Rad mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker sitzt frau voll IM Wind. Und was ich auf dem Hinweg als „angenehm bergab“ empfunden habe, zeigt mir jetzt, wie lange ich tatsächlich nicht mehr Fahrrad gefahren bin. Au Mann, aua!

Das Pärchen, mit dem ich am Strand ein paar Worte gewechselt hatte, überholt mich mit Schwung. Mein Atem reicht für: „Sie sind aber fit!“ Die Antwort ist tröstlich und gut fürs Selbstbewusstsein: „Wir haben ja auch einen Motor.“

Wo gibt’s in Kampen den besten Kaffee? Jemand, der wie ein Einheimischer aussieht, schickt mich zur Kupferkanne: „Da kann man toll draußen sitzen, und die ham groooße S-tücken Kuchen.“ Genau das brauche ich jetzt.

Und Petrus? Der findet meine Pause anscheinend völlig unangemessen und schiebt mal schnell eine Wolke vor die Sonne. Freundlicherweise wartet er mit dem ersten Regenschauersprühstoß, bis ich meinen Kuchen – Pflaumenkuchen mit Sahne, mhm! – fast aufgegessen habe. Kaum sitze ich, gut verpackt in der zweiten Jacke, die den ganzen Tag über in der Tasche geblieben war, Schal, Mütze und Handschuhen wieder auf meinem gelben Stahlross mit dem unglaublich harten schwarzen Sattel, schiebt Petrus die Wolke wieder weg. Als ich in Westerland beim Herrn Leksus vom Rad taumele, bin ich ein bisschen verschwitzt.

Gemächlich schlendere ich zum Bahnhof. Der Zug nach Klanxbüll fährt in acht Minuten. Ich versuche, mich aufs Märchenbuch zu konzentrieren. Keine Chance. Nicht schlimm, der Tag war märchenhaft genug.


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Nebel

„Nimm doch mal die kleine Keramikschale da von der Fensterbank und mach sie auf. Guck, da ist ganz normales Salz drin, aber anstatt eines Löffels hab ich eine kleine Pfahlmuschel genommen.“

In dem Keramikschälchen ist mehr als ein paar Salzkörnchen und einen Streifen glänzenden Perlmutts. Eine ganze Welt liegt in dem Salzfässchen, wo Tränen deine Wangen streicheln, wo Lehm jeden Schritt zur Anstrengung gerinnen lässt, wo scharfe Kanten in deine Zunge und deine Gedanken schneiden. Alles Wissen der Urzeit zusammengepresst zu einer Essenz. Das Können, das Wollen, das Bollwerk. Der Deckel schließt sich über dem Geheimnis.

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Nur das Dröhnen ist geblieben. Die Hafenanlagen hat der Nebel eingepackt, nicht mal die Scheinwerfer dringen durch. Ob die Krane und Stapler diese Atmosphäre auch spüren? Oder wenigstens die Kranführer und Staplerfahrer? Die haben wohl keine Zeit dafür. Ein Schwarm Möwen lässt sich landeinwärts fallen, grauweißflügelschlagende Hektik übereilt das Krähenschwarz, an das ich mich schon gewöhnt hatte. Sie werden doch wohl nicht …? – Nein! Die Meisenknödel bleiben unberührt. Ein kräftiges Flügelschlagen, auf geht’s Richtung Dach, dann sind sie weg. Das Ausflugsschiff mit dem Aladdin-Schriftzug taucht aus der grauen Wand auf, legt an, ein Mensch in Rosa steigt ein, Ablegen zum Ausflug ins Nichts. Es scheint, als sei das Dröhnen lauter geworden.


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Stehvermögen – Gehvermögen

Er war 18 und fuhr einen hellblauen Käfer. Ich war 14 und schwer beeindruckt. Eines Tages sagte er zu mir: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“ Ich wusste nicht, wie er darauf gekommen war, aber der Satz blieb. Eine unumstößliche Wahrheit in meinem Leben.

Dann kamen sie, diese Situationen, die ich vor dem offiziellen Ende beendete: Beziehungen (wenn es für die überhaupt ein ‚offizielles Ende‘ gibt), das Studium, das Flöten- und das Klarinettenspiel … Und jedes Mal wusste ich mit schlechtem Gewissen: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“

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Gestern dann im Toastmasters Club Bern: Ein Vorstandsmitglied erzählt von den über 40 Reden, die ich in den letzten sieben Jahren gehalten habe, von den Mitgliedern, deren Mentorin ich war, von meiner Arbeit als Präsidentin, von Workshops, die ich geleitet habe. Sie überreicht mir die Urkunde, die Anstecknadel und ein Geschenk des Vorstands. Ein Vorbild sei ich. Vor allem hinsichtlich – Achtung! – Stehvermögen.

Ich war erfreut, gerührt, stolz. Und ich frage mich: Wie ist das jetzt mit meinem Stehvermögen? Hab ich’s oder hab ich’s nicht?

Der Blick zurück zeigt, was vermutlich jeder erwartet hat: Bei vielem war ich bis zum offiziellen Ende dabei, Schule, Ausbildung, Lehrgänge. Bei anderen Projekten habe ich zu irgendeinem Zeitpunkt beschlossen, sie zu beenden. Und jetzt kommt’s: Die Überlegung „aufhören oder weitermachen?“ habe ich auch bei den Projekten angestellt, die ich offiziell abgeschlossen habe. Meist sogar mehr als einmal.

Abbrechen, Hinschmeißen, Davonlaufen – das war für mich nie eine Option. Ich habe überlegt, wie es weitergehen soll. Was bringt es mir, dranzubleiben? Wofür und wovon bin ich frei, wenn ich aufhöre? Was verliere ich, wenn ich aufhöre? Das waren nicht immer nüchterne Überlegungen, da ging es nicht nur um Daten, Zahlen, Fakten, Kosten und Gewinn. Da ging es durchaus auch um Gefühle, oft war Ärger im Spiel, Wut, Trauer. Vielleicht war die eine oder andere Entscheidung falsch, und es wäre besser gewesen, früher aufzuhören oder länger weiterzumachen. Darüber nachzugrübeln, ist müßig.

Man muss nicht um jeden Preis dranbleiben, weitermachen, durchhalten . Wenn man Pech hat, geht man vor lauter Durchhalten nämlich vor die Hunde. Es ist auch keine gute Idee, bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Ich kann dir leider keine Zahlen nennen: Nach x Schwierigkeiten vom Grad y ist es sinnvoll, ein Projekt, eine Beziehung, eine Aktivität zu beenden.

Entscheidend ist, sich immer wieder zu überlegen, was gerade passiert, was mein Beitrag ist, was so bleiben soll, was sich ändern soll, was ich ändern kann. Dann gehst du nämlich Schritt für Schritt für Schritt weiter auf deinem eigenen Weg. Gehvermögen statt Stehvermögen.