Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Montagmorgen #52: Was liegt hinter meiner Komfortzone?

Es klingt ja gut: Einmal pro Woche etwas tun, das mich aus meiner Komfortzone rausholt, rausbringt, rauskatapultiert. Aber was? Ich habe kein Problem damit, bunt angezogen durch die Stadt zu spazieren oder mich vor Leute hinzustellen und etwas zu erzählen. Ich HÄTTE ein Riesenproblem damit, aus einem Flugzeug oder von einer Brücke zu springen, selbst wenn ein Fallschirm oder ein Gummiseil die Landung ganz sicher (!) abfedern würden. Gesucht ist: Etwas dazwischen. Gefragt bist: Du. Mit welcher Aufgabe würdest du mich aus meiner Komfortzone schicken? Wo ist – vielleicht – mein „Crazy New Shit“? – Ich freue mich auf deine Vorschläge und werde natürlich hier berichten, wie es war 🙂
CrazyNewShit

Oh, einen Buchtipp hätte ich auch noch. In „Löwen wecken“ von Ayelet Gundar-Goshenwird ein junger Neurochirurg aus seiner Komfortzone herausgeschleudert. Ich bin auf Seite 208 von 423, und es ist jetzt schon klar: Der Mann befindet sich schon jetzt weit außerhalb dieser Zone und egal, was er als nächstes tut, hat er einen weiten Weg vor sich, bevor er wieder so etwas wie eine geistig-seelische Komfortzone erreichen wird, wenn überhaupt. Wenn du also keine ganz leichte, aber fantastisch geschriebene Lektüre für den Urlaub suchst:

Ayelet Gundar-Goshen, „Löwen wecken“, Kein & Aber Pocket, ISBN 978-3-0369-5940-5


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Montagmorgengeschichten: Schon fast ein Jahr

 

Es begann am Telefon. Ich gestand, dass mir schon Aufträge entgangen sind, weil ich kein Buch geschrieben habe. Ellen Gürtler, die kluge Frau am anderen Ende der Leitung fragte nach und packte schließlich eine Idee aus: „Wenn du kein Buch und keinen Blog SCHREIBEN willst, dann ERZÄHL doch einen Blog – jeden Montagmorgen eine Geschichte!“

Mir fielen auf Anhieb 1327 Gründe ein, warum das nicht geht. Aber die kleine Stimme irgendwo in Bauch, Herz oder Kopf blieb hartnäckig: „Probier es doch einfach mal!“

So saß ich am 6. August 2018 früh morgens hübsch geschminkt vor dem Computer, kämpfte mit der Beleuchtung und erzählte schließlich der Kamera, warum ich dort saß. Seither gehe ich aufmerksamer durch die Welt: Ist diese Begegnung Ausgangspunkt für die nächste Montagmorgengeschichte? Soll ich über jenes Buch sprechen?

Manchmal habe ich Stichworte notiert, manchmal eine ganze Geschichte aufgeschrieben. Erzählt habe ich meist etwas ganz anderes, nämlich das, was mich gerade im Moment des Erzählens, wenn das leidige Beleuchtungsproblem für diesmal gelöst war, bewegte. Erstaunlich: Es gab immer ein Thema – eine Antwort, die ich in der vergangenen Woche gefunden hatte, eine Frage, die offen geblieben war. Und der Gedanke an die, die mir zuhören: „Wie ist das denn bei dir?“ oder „Ich wünsche dir für diese Woche…“

Tatsächlich habe ich in jeder der letzten 50 Wochen eine Geschichte erzählt, manchmal erst mittags oder abends, einmal, glaube ich, erst am Dienstag. So viel Disziplin hätte ich mir nie zugetraut, und darum bin ich ein wenig stolz auf mich. Auf mich? Könnte es sein, dass ich tatsächlich vom regelmäßigen Geschichtenerzählen profitiert habe? – Tatsächlich!

Montagmorgengeschichten zu erzählen, das ist ein bisschen wie träumen. Es hilft beim Verarbeiten dessen, was mich beschäftigt. Heute erzähle ich öffentlich Montagmorgengeschichten. Und mir selbst erzähle ich Dienstags-, Mittwochs-, Donnerstags-, … Sonntagmorgengeschichten. Geschichten, die sich vordrängen, die danach schreien, erzählt zu werden, zumeist solche, die mich belasten:  Ich möchte mich beschweren, jammern, klagen; ich sollte verkünden, wie XY mich verletzt hat, sollte meine Entscheidungen und die Wege dahin kundtun oder, oder, oder. Aber nein: Persönliche Konflikte gehören nicht ins Web, Bahnabenteuer erst, wenn ich wieder drüber lachen kann, und, ja, manche Entscheidung möchte ich für mich behalten. Also erzähle ich mir die Geschichte selbst. Laut. Jawoll, manchmal vor dem Computer. Ganz oft sind  die Themen danach „gegessen“. Ich muss nichtmehr stundenlang nach Antworten suchen, investiere meine Energie nicht in „was wäre gewesen, wenn“-Überlegungen, finde eine Handlungsalternative, die sich erst durchs Aussprechen zeigt. Montagmorgengeschichten sind auch Selbstfürsorge.

Und sie sind – ein ganz anderer Aspekt! – ein prima Training. „Sprache entsteht durch Sprechen“ hat unser Erzähllehrer immer gesagt. Seit 50 Wochen spreche ich mindestens einmal pro Woche in die Kamera. Ich kann mich beobachten, sehe und höre, wie ich atme, ob ich genügend Pausen mache, in denen ich mich tatsächlich entspanne, wie oft ich die Augen schließe, wie viele „Unds“, „Sos“, „Eigentlichs“ ich benutze. Wenn mir das, was ich sehe, nicht gefällt, mach‘ ich’s einfach nochmal. Die „Rampensau“ in mir hat Spaß daran.

KEINE meiner Geschichten ist übrigens „viral gegangen“ (was für ein Wort!). Einige haben zu anregenden 1:1-Gesprächen geführt; den einen oder die andere konnte ich auf eine neue Idee bringen. Wenn ich einen einzigen Menschen pro Woche berührt oder angeregt habe, genügt das. Und so führt mich meine wichtigste Erkenntnis an den Ausgangspunkt zurück. Ich will wirklich kein Buch schreiben, und „viral“ ist mir zu groß. Fein, kompetent und persönlich, so möchte ich arbeiten, die Geschichten meiner Kunden, ihrer Produkte, ihrer Leistungen in Worte fassen, ihnen helfen, ihre Geschichten selbst zu erzählen. Sie haben eine solche Geschichte? – Dann lassen Sie uns darüber reden. Einfach nicht am Montagmorgen 😉

Am Montagmorgen möchten vielleicht auch Sie ein Tage- oder Wochenbuch erzählen. Vielleicht möchten auch Sie sich herausfordern oder sich auf die Spur kommen? Schalten Sie die Kamera an ihrem Computer ein, sehen Sie zu, dass ihre Brille nicht spiegelt und ihr Gesicht nicht halb im Schatten liegt, und los! Was immer dabei heraus kommt: Es lohnt sich, über den eigenen Schatten zu springen.


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Montagmorgen #50: Nähe und Distanz

Die „Gänge“ in der Lübecker Altstadt sind Kleinode: Winzige Häuschen an schmalen Gängen, die sich hinter Einfahrten in ehemaligen Hinterhöfen verstecken. Die Häuser sind bunt bemalt, die Gänge liebevoll mit Blumen, Pflanzen, Tischen, Stühlen und Kunstwerken geschmückt, und ich habe jedes Mal, wenn ich dort bin, das Gefühl, ich betrete den privaten Raum anderer Menschen.
Mich erinnert das an Gespräche, die ich mit anderen führe – im beruflichen Kontext z. B. mit Hochzeitspaaren, denen ich ja sehr private Fragen stellen darf oder gar stellen muss, aber auch privat. Wie nah darf ich den Menschen treten? Wie intensiv darf ich in ihr Küchen-, Badezimmer- oder gar Schlafzimmerfenster schauen? Woran merke ich, ob näher kommen darf, näher kommen will?
Woran merkst du so etwas? Und was tust du, wenn jemand deine Grenze überschreitet? Hier gibt’s wieder ein paar neugierige Montagmorgenfragen für die kommende Woche.


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Montagmorgen #49: Timing

Manchmal kann man sein Timing beeinflussen. Manchmal ist es einfach möglich, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Manchmal nicht. Dann kann man nur dankbar sein, wenn „es“ trotzdem klappt. So wie am vergangenen Samstag…


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Montagmorgen #48: Entscheidungen manifestieren

Heute gehe ich in Bern zur Fremdenpolizei (=Einwohnermeldeamt für Ausländer*innen), um mich endgültig aus Bern und aus der Schweiz abzumelden. Damit wird eine Entscheidung, die ich schon lange getroffen habe, offiziell und endgültig.
Ein bisschen fühle ich mich dabei wie ein Hochzeitspaar, das jetzt ganz offiziel „ja“ zueinander sagen möchte. EIGENTLICH ändert sich nichts, und gleichzeitig ändert sich doch ganz viel; ein öffentliches Ja mit Brief und Siegel ist mehr als das Ja, das man einander sagt.
Wer weiß, was diese offizielle Abmeldung heute mit mir macht? Wer weiß, wie es einer Braut, einem Bräutigam mit ihrem und seinem offiziellen Ja geht? Wer weiß, wie es dir mit deinen Entscheidungen geht? Ich bin gespannt 🙂


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Montagmorgen #47: Momentane Methoden

Wie „mache“ ich eigentlich einen Text? In den Computer tippen? Von Hand schreiben? Dem Diktiergerät erzählen? – Bei mir funktionieren alle drei Methoden, aber leider nicht immer und vor allem nicht gleichzeitig. Die paar Minuten, die ich mir gönne, um drüber nachzudenken, welche Methode sich HEUTE aufdrängt, lohnen sich aber. Ich komme schneller „ins Tun“ und habe zumindest das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Was liegt eigentlich alles in deiner „Methodenkiste“?