Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


Hinterlasse einen Kommentar

Montagmorgen #72: Schneiders Späte

Als ich 50 wurde, habe ich ein Sabbatical eingelegt, um in dieser Zeit ein Buch zu schreiben. Für meine Kunden haben ich damals von Books on Demand ein Büchlein mit einigen Texten von mir machen lassen: „Schneiders Späte“. Jetzt musste ich feststellen, dass man das Buch noch immer bestellen kann, obwohl ein paar ganz üble, peinliche Tippfehler drin sind.
Noch schlimmer: Das Buch-Schreiben während des Sabbaticals hat nicht geklappt; ganz offenbar bin ich doch keine Schriftstellerin.
Nun habe ich beschlossen, den Kirschbaum – „Schneiders Späte“ ist eine Kirschsorte! – zu fällen.
Bist du neugierig? Möchtest du noch schnell ein paar Kirschen haben? Dann hast du bis Februar 2020 die Gelegenheit, das Buch zu bestellen:
Schneiders Späte und andere Familiengeschichten
Verlag: BoD – Books on Demand
ISBN: 978-3833491511
Preis: 16,20 Euro


Hinterlasse einen Kommentar

Es war 1001 Mal – eine Buchempfehlung

Es war nicht vor langer, langer Zeit, sondern genau am letzten Tag des Jahres 2015. Ein Tag, an dem wohl nur in der Schweiz die Post ausgetragen wird. Da lag es im Briefkasten, verpackt in einem stabilen braunen Umschlag: „Es war 1001 Mal – Märchenreisen durch Leben und Welt“ mit Texten von Margarete Wenzel und Illustrationen von Anita Ortner.

Ja, ja, eigentlich macht man am Silvesternachmittag andere Dinge, aber die Verlockung war zu groß. Und das Sonnenblumenfeld auf dem Titel mit dem Jungen, der im roten Kapuzenpulli auf einer Blüte hockt, zog mich magisch an. Mehr als 40 kurze und längere Märchen aus aller Welt möchten gelesen werden, werden gelesen.

Margarete Wenzel, Märchenerzählerin, Autorin, Philosophin, Seminarleiterin aus Wien, hat die Märchen nicht nur gesammelt. Sie hat sie auch, wie sie im Vorwort erläutert, verinnerlicht, erneut in eine mündliche Erzählsituation überführt. Wer diese Märchenfassungen liest, glaubt sofort, was Margarete im Vorwort sagt: Sie hat die Stoffe anhand „innerer Bilder“ gelernt, „erforschte die Dynamik der Handlung, befragte Erfahrungswerte und recherchierte zu historischen und kulturellen Tatsachen“.

Da bekommt man so manche kleine Erklärung wie nebenher geliefert, eine Geschichte wird verständlich(er), weil man in einem Nebensatz Hintergründe erfährt. Anderes, wahrscheinlich viel Wichtigeres, erschließt sich durch den Inhalt der Geschichten. Was geschieht, wenn ich mich ganz und gar in mein Tun vertiefe, so wie es der ewige Maler tut? Muss ein Drachentöter immer die Prinzessin heiraten? Was denkt eigentlich die Prinzessin über einen Retter, der gern unabhängig bleiben möchte?

Wir erfahren, wie weise vermeintliche Dummheit sein kann, gehen mit den Märchenhelden über verschlungene, gefährliche, lehrreiche Lebenswege, lernen, wie viel Gutes der Tod hat, werden beim Lesen hungrig und satt und dürfen uns Mal für Mal auf das Wunder des Erzählens einlassen.

Nicht nur für Erzählerinnen und Erzähler spannend: Die Geschichten hinter den Geschichten, die in diesem Buch deutlich mehr zu bieten haben, als es Quellenangaben gemeinhin tun.

Dazu gibt es zu jeder Geschichte eine Illustration von Anita Ortner, in die man sich mit großem Vergnügen versenken und die Geschichte vor-, nach- oder miterleben kann. Oder man kann sie ganz anders ansehen: als eigene, eigenständige Geschichten!

Ich wünsche mir von Herzen, dass viele Menschen die Welt der Märchen über dieses Buch neu oder wieder entdecken. Vielleicht auch deshalb, weil die eine oder andere Geschichte mit Sicherheit in mein Repertoire schlüpfen wird und ich mich schon jetzt auf den Austausch mit meinen Zuhörerinnen und Zuhörern freue.

Es war 1001 Mal
Margarete Wenzel und Anita Ortner
Tyrolia-Verlag.at
ISBN 978-3-7022-3488-


Hinterlasse einen Kommentar

Kalevala – Liebeserklärung an ein merk-würdiges Buch

Seit mir im Jahr 2003 das Bestimmungsbuch „Die Nixen von Estland“ in die Hände fiel, bin ich verfallen! Man sagt, man sähe es mir nicht an, und ich danke brav fürs Kompliment. Verfallen aber bin ich … der Illustratorin und Zeichnerin Kat Menschik. Schon im Nixenbuch haben mich ihre Illustrationen geradezu weggepustet in ein wässriges, haariges, na ja, nixiges Traumland. 2009 sorgte sie dann dafür, dass die Bilder aus Murakamis Schlaf nicht nur in meinem Kopf, sondern auch vor meinen Augen erschienen und ich irgendwie nicht mehr ins Bett gehen wollte.

Seit ein paar Tagen nun: Kalevala, eine Sage aus dem Norden, nacherzählt von Tilman Spreckelsen, mit Illustration von, ja sicher, Kat Menschik. Der Adler auf dem Titel hat mich so eindringlich angesehen, dass ich gar nicht umhin konnte, das Buch zu kaufen. Zum Glück war das Wetter schlecht genug, um ohne Gewissensbisse drinnen zu bleiben, zu lesen, Bilder zu betrachten.

Kalevala

Ich folge dem Ich-Erzähler auf seiner Spurensuche nach einem Dichter, von dem ich bisher noch nie gehört hatte: Elias Lönnrot, dem sog. zweiten Vater der finnischen Sprache, dem, der im 19. Jahrhundert die finnische Volksdichtung aufschrieb und das finnische Nationalepos Kalevala verfasste. Immer wieder unterbricht der Erzähler den Bericht über seine Suche und seine Erlebnisse auf den Spuren Lönnrots, um die Kalevala nachzuerzählen.

Da wird im Norden wie im Süden Finnlands gelogen, gezaubert, gekämpft was das Zeug hält – um reich zu werden, um die Tochter einer Hexe zu freien, um einen Sohn wieder zum Leben zu erwecken. Übermenschliche Kräfte ringen miteinander, Gliedmaßen reißen ab, so viel Blut fließt, dass das bisschen Schweiß gar nicht auffällt.

Nicht nur die Geschichte fesselt mich, das Fremdartige, das Hin und Her, das es schwer macht, für einen der Helden Partei zu ergreifen. Nicht nur die Zeichnungen lassen mich immer wieder innehalten, um mir die Szenerie genau vorzustellen. Auch die Sprache hat ihren Reiz. Die Figuren sprechen nämlich mehr oder weniger so wie du und ich:

Dass ich dir Grobian eine Tochter gegeben habe, war der schlimmste Fehler meines Lebens, sagte Louhi. Glaubst du im Ernst, ich erlaube dir, die andere auch noch ins frühe Grab zu bringen? Lieber sähe ich sie zwischen den Kiefern des Riesenhechts im Totenfluss.
Und wie soll das gehen, Louhi? sagte Ilmarinen, da ich den Fisch doch längst für dich geangelt habe, falls du dich erinnerst. Weißt du was, ich frage sie einfach selbst. (S. 149)

Am Ende wird der große Kämpfer und Zauberer Väinämöinen nicht mehr gebraucht und fährt mit dem Schiff fort. Marjatta aber bekommt ein Kind, und die Geschichte seiner Geburt klingt fast wie die Weihnachtsgeschichte. Kurz und gut: Kalevala macht Lust auf mehr und Meer.

Kalevala, Verlag Galiani Berlin, ISBN 978-3-86971-099-0