Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Montagmorgengeschichte #42: Biografisches Erzählen

„Wie’s drinnen aussieht, geht niemand was an!“ – Das glaube ich nicht. Und darum möchte ich noch besser lernen, wie man seine eigene Biografie in gute Geschichten verwandelt. Personal Storytelling! Zum Glück kenne ich jemanden, die diese Fähigkeiten vermitteln kann, und diese Person – Karin Wedra von den Sprechwerkern – kommt im Oktober für einen Workshop nach Hamburg. Die zwei Lerntage richten sich an Erzählerinnen und Erzähler und alle, die besser sagen möchten, was sie zu sagen haben.

Bist du auch dabei? Ich meine, selbst wenn du weiter weg wohnst … Eine kleine Städtereise zum Tag der Deutschen Einheit mit einem schicken Stadtbummel am Freitag und dem Kurs am Samstag und Sonntag – das klingt doch wirklich nach einem guten Plan. Wenn du mehr wissen möchtest, schreib mir oder ruf mich an. Hier ist erst einmal das Wichtigste in Kürze:

  • Thema: Biografisches Erzählen
  • Termin: 5. und 6. Oktober 2019, jeweils 10 bis 17 Uhr
  • Ort: Magnus Hirschfeld Centrum, Hamburg, Borgweg 8
  • Referentin: Karin Wedra, die Sprechwerker
  • Teilnehmerzahl: Max. 20
  • Anmeldeschluss: 1. September 2019
  • Kosten pro Person: 215 Euro, inkl. Kaffee, Tee, Wasser
  • Infos/Anmeldung: So rasch wie möglich bei mir – 0172 211 94 82, r.menke@roswithamenke.de


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Montagmorgengeschichte. Die fünfundzwanzigste.

Dass deine Geschichte ganz und gar einzigartig ist, das weißt du sicher. Was aber kannst du daraus und damit machen? Ich gehe dem in den nächsten drei Wochen (21.1.-9.2.2019) nach und lerne. Du kannst gern mitlernen und dich unter www.storythefuture.com registrieren. Gern arbeite ich mit dir zusammen an deiner und mit deiner Geschichte.


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Begeistert!

Vor langer, langer Zeit, vor gut einem Jahr fragte mich eine Lehrerin, ob ich sie bei einem Schulprojekt unterstützen könne. Ihre Schule führe ein Projekt «Lernfamilie» durch, in dem Schüler aus der 1. bis 6. Klasse ein Jahr lang an einem Projekt arbeiteten. Sie – als Handarbeitslehrerin – plane, mit ihrer elfköpfigen Mädchengruppe ein Buch aus Putzlappen zu gestalten. Es fehle noch die Geschichte für das Buch, und sie habe gehört, ich hätte da so einen Geschichtenbaukasten…

Stimt, ich arbeite mit dem Geschichtenbaukasten von Helga Gruschka. So entstand die Geschichte von der kleinen Malerin Pampelmus vom Nadelfluss, die ihre Bilder so gern in der Stadt im Museum zeigen wollte.

Heute, viele Monate später lag in meinem Briefkasten ein dicker Umschlag. Die Lehrerin, Jacqueline Bättig hatte auch für mich ein Putzlappenbuch gemacht. Ein Kunstwerk! … Seht selbst:


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Liebe Meike Winnemuth,

eigentlich müsste dieser Beitrag mit «Liebe Susanne» überschrieben sein, denn die hat mir Ihr Buch «Das große LOS» nicht nur ans Herz, sondern auch auf den Tisch gelegt: «Die Frau hat ein ganzes Jahr lang jeden Monat in einer anderen Stadt gelebt. Das könnte dir gefallen.»

Ich wollte das gar nicht lesen, Meike, echt nicht. Mich würde ja doch nur der Neid packen, und ich würde wieder an all das erinnert, was mir nicht gelingt, gelungen ist, gelingen wird. Bei Jauch habe ich mich schon x-mal vergeblich als Kandidatin beworben; Selbstversuche scheitern nach drei Stunden, drei Tagen, zweieinhalb Monaten (das war die 5-2-Diät, ausgesprochen wirksam!). Solches Scheitern per Blog oder gar Buch in die Welt hinauszuschreiben, würde a) an meiner Bequemlichkeit und b) an der festen Überzeugung scheitern, dass das sowieso niemand lesen will. In dieser Reihenfolge, bitte!

Na ja, ich hab also das Buch genommen, in die Einkaufstasche gesteckt und diese in der S-Bahn liegen lassen. Nicht mit Absicht, bestimmt nicht, schließlich war das Buch geliehen. Nach exakt einem Monat meldete die Bahn, dass Tasche und Buch wider Erwarten aufgetaucht seien. Anlass für einen erfreuten Post auf Facebook. Dann der Kommentar von Steffie: «Und das inspirierende „Grosse Los“ Buch :). Ich finde nämlich schon lange, dass du was von ihr hast.»

War das etwa ein Kompliment? Ich mache mich mal ans Lesen. Mehr als einen Monat am Stück schaffe ich selten. Es gibt immer so viel zu lachen, zu weinen, zu denken. Und: Nein, ich bin überhaupt nicht neidisch. Der Schlüssel zum anderen Leben klimpert ja andauernd in meiner Kleider-, Hosen-, Rock-, Jackentasche und ich benutze ihn immer wieder. «Try. Fail. Try again. Fail better.» Beckett lässt grüßen.

Sie haben mir also, liebe Meike, einmal mehr klar gemacht, wie wertvoll, freudvoll, lebendig mein Leben ist. Dafür sage ich Ihnen und natürlich auch Susanne ein herzliches, also so ein richtig voll von Herzen kommendes Dankeschön.

Und wenn ich nach London komme, kaufe ich mir einen Morgenmantel. Wo gibt’s die schönsten?

Ihre Roswitha


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Kannichnich, und …

Was Klavier- und Golfspielen gemeinsam haben? Na ja: Ich durfte die 50 (deutlich) überschreiten, um erst mit dem einen, dann mit dem anderen zu beginnen.

Klavier

Blöderweise bin ich in beiden Disziplinen alles andere als ein Naturtalent. Im Gegenteil. Und da ich nicht so viel Aufwand ins Üben stecke, wie ich vielleicht müsste, sind Fortschritte nur schwer auszumachen.

Noch vor zehn Jahren hätte ich Klavier und Golf ganz schnell in der Schublade «interessiert mich doch nicht» verstaut. Jetzt bleibe ich dran. Mehr noch: Es macht sogar Spaß! Der Dank dafür geht erst mal an meine geduldigen Lehrenden: Elisabeth, Alec, Sebastian geben mir nie das Gefühl zu versagen, weil ich nur langsam weiterkomme.

Ich muss ihnen nichts beweisen, dir, euch und Ihnen nichts und mir selbst schon gar nichts. Also genieße ich, was ich tue, und freue mich von Herzen an kleinen Dingen. Das müssen nicht einmal Erfolge sein: die morgendliche, nur vom Nieselregen unterbrochene Stille auf dem Golfplatz, die glatten Klaviertasten unter meinen Fingern.

Konzentration auf das, was ich gerade tue, und das Gedankenkarussell im Kopf steht still. Aktive Meditation. Freude statt Ehrgeiz. Spaß am Kannichnich. Vielleicht muss frau dazu wirklich erst die 50 überschreiten.


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Auftauen

«Auf die sternklare Nacht mit Temperaturen bis minus 7° folgt ein eisiger Morgen. Trotz Sonnenschein werden die Temperaturen im Laufe des Tages nicht über plus 4° ansteigen.»

Als der Wecker um Viertel nach sechs klingelt, ist es stockfinster, aber eine knappe Stunde später darf ich mich über das Grauen des Morgens freuen, und schon bald  leuchtet es vor dem Fenster. T-Shirt-Wetter könnte man denken, doch der weiß gefrorene Garten (ja! echt! das IST der Garten zu diesem wunderbaren Haus!) zeigt, dass der Wettermann aus dem Radio Recht gehabt hat.

Egal. Ich hab zu tun. Volle Konzentration bis zum Mittag. Die Autoscheiben sehen wieder durchsichtig aus. Es wäre schade, diesen Sonnentag einfach so verstreichen zu lassen. Niebüll hab ich gestern angeguckt, da hatte das Museum für moderne Kunst geschlossen. Heute fahre ich weiter Richtung Süden. «Mehr! Mehr!», schrie der Häwelmann, «mehr, mehr!»

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In den Gassen, im Schlosspark, im Buch- und im Bioladen glaube ich den Satz wiederzuhören. Den Satz von damals, vor vielen, vielen Jahren. Sie saß mir in einem Münchner Restaurant gegenüber, bleich, durchsichtig, von der Krankheit gezeichnet: «Das kann doch nicht sein. Mein Gott, ich bin erst zweiunddreißig.» Ich habe mich nicht getraut, sie über Leben und Sterben zu befragen, sie war doch erst zweiunddreißig. Ein paar Monate später war sie tot. Heute hat sie mich durch ihre Heimatstadt begleitet. Schön!

 

 


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Stehvermögen – Gehvermögen

Er war 18 und fuhr einen hellblauen Käfer. Ich war 14 und schwer beeindruckt. Eines Tages sagte er zu mir: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“ Ich wusste nicht, wie er darauf gekommen war, aber der Satz blieb. Eine unumstößliche Wahrheit in meinem Leben.

Dann kamen sie, diese Situationen, die ich vor dem offiziellen Ende beendete: Beziehungen (wenn es für die überhaupt ein ‚offizielles Ende‘ gibt), das Studium, das Flöten- und das Klarinettenspiel … Und jedes Mal wusste ich mit schlechtem Gewissen: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“

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Gestern dann im Toastmasters Club Bern: Ein Vorstandsmitglied erzählt von den über 40 Reden, die ich in den letzten sieben Jahren gehalten habe, von den Mitgliedern, deren Mentorin ich war, von meiner Arbeit als Präsidentin, von Workshops, die ich geleitet habe. Sie überreicht mir die Urkunde, die Anstecknadel und ein Geschenk des Vorstands. Ein Vorbild sei ich. Vor allem hinsichtlich – Achtung! – Stehvermögen.

Ich war erfreut, gerührt, stolz. Und ich frage mich: Wie ist das jetzt mit meinem Stehvermögen? Hab ich’s oder hab ich’s nicht?

Der Blick zurück zeigt, was vermutlich jeder erwartet hat: Bei vielem war ich bis zum offiziellen Ende dabei, Schule, Ausbildung, Lehrgänge. Bei anderen Projekten habe ich zu irgendeinem Zeitpunkt beschlossen, sie zu beenden. Und jetzt kommt’s: Die Überlegung „aufhören oder weitermachen?“ habe ich auch bei den Projekten angestellt, die ich offiziell abgeschlossen habe. Meist sogar mehr als einmal.

Abbrechen, Hinschmeißen, Davonlaufen – das war für mich nie eine Option. Ich habe überlegt, wie es weitergehen soll. Was bringt es mir, dranzubleiben? Wofür und wovon bin ich frei, wenn ich aufhöre? Was verliere ich, wenn ich aufhöre? Das waren nicht immer nüchterne Überlegungen, da ging es nicht nur um Daten, Zahlen, Fakten, Kosten und Gewinn. Da ging es durchaus auch um Gefühle, oft war Ärger im Spiel, Wut, Trauer. Vielleicht war die eine oder andere Entscheidung falsch, und es wäre besser gewesen, früher aufzuhören oder länger weiterzumachen. Darüber nachzugrübeln, ist müßig.

Man muss nicht um jeden Preis dranbleiben, weitermachen, durchhalten . Wenn man Pech hat, geht man vor lauter Durchhalten nämlich vor die Hunde. Es ist auch keine gute Idee, bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Ich kann dir leider keine Zahlen nennen: Nach x Schwierigkeiten vom Grad y ist es sinnvoll, ein Projekt, eine Beziehung, eine Aktivität zu beenden.

Entscheidend ist, sich immer wieder zu überlegen, was gerade passiert, was mein Beitrag ist, was so bleiben soll, was sich ändern soll, was ich ändern kann. Dann gehst du nämlich Schritt für Schritt für Schritt weiter auf deinem eigenen Weg. Gehvermögen statt Stehvermögen.