Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Begeistert!

Vor langer, langer Zeit, vor gut einem Jahr fragte mich eine Lehrerin, ob ich sie bei einem Schulprojekt unterstützen könne. Ihre Schule führe ein Projekt «Lernfamilie» durch, in dem Schüler aus der 1. bis 6. Klasse ein Jahr lang an einem Projekt arbeiteten. Sie – als Handarbeitslehrerin – plane, mit ihrer elfköpfigen Mädchengruppe ein Buch aus Putzlappen zu gestalten. Es fehle noch die Geschichte für das Buch, und sie habe gehört, ich hätte da so einen Geschichtenbaukasten…

Stimt, ich arbeite mit dem Geschichtenbaukasten von Helga Gruschka. So entstand die Geschichte von der kleinen Malerin Pampelmus vom Nadelfluss, die ihre Bilder so gern in der Stadt im Museum zeigen wollte.

Heute, viele Monate später lag in meinem Briefkasten ein dicker Umschlag. Die Lehrerin, Jacqueline Bättig hatte auch für mich ein Putzlappenbuch gemacht. Ein Kunstwerk! … Seht selbst:


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Liebe Meike Winnemuth,

eigentlich müsste dieser Beitrag mit «Liebe Susanne» überschrieben sein, denn die hat mir Ihr Buch «Das große LOS» nicht nur ans Herz, sondern auch auf den Tisch gelegt: «Die Frau hat ein ganzes Jahr lang jeden Monat in einer anderen Stadt gelebt. Das könnte dir gefallen.»

Ich wollte das gar nicht lesen, Meike, echt nicht. Mich würde ja doch nur der Neid packen, und ich würde wieder an all das erinnert, was mir nicht gelingt, gelungen ist, gelingen wird. Bei Jauch habe ich mich schon x-mal vergeblich als Kandidatin beworben; Selbstversuche scheitern nach drei Stunden, drei Tagen, zweieinhalb Monaten (das war die 5-2-Diät, ausgesprochen wirksam!). Solches Scheitern per Blog oder gar Buch in die Welt hinauszuschreiben, würde a) an meiner Bequemlichkeit und b) an der festen Überzeugung scheitern, dass das sowieso niemand lesen will. In dieser Reihenfolge, bitte!

Na ja, ich hab also das Buch genommen, in die Einkaufstasche gesteckt und diese in der S-Bahn liegen lassen. Nicht mit Absicht, bestimmt nicht, schließlich war das Buch geliehen. Nach exakt einem Monat meldete die Bahn, dass Tasche und Buch wider Erwarten aufgetaucht seien. Anlass für einen erfreuten Post auf Facebook. Dann der Kommentar von Steffie: «Und das inspirierende „Grosse Los“ Buch :). Ich finde nämlich schon lange, dass du was von ihr hast.»

War das etwa ein Kompliment? Ich mache mich mal ans Lesen. Mehr als einen Monat am Stück schaffe ich selten. Es gibt immer so viel zu lachen, zu weinen, zu denken. Und: Nein, ich bin überhaupt nicht neidisch. Der Schlüssel zum anderen Leben klimpert ja andauernd in meiner Kleider-, Hosen-, Rock-, Jackentasche und ich benutze ihn immer wieder. «Try. Fail. Try again. Fail better.» Beckett lässt grüßen.

Sie haben mir also, liebe Meike, einmal mehr klar gemacht, wie wertvoll, freudvoll, lebendig mein Leben ist. Dafür sage ich Ihnen und natürlich auch Susanne ein herzliches, also so ein richtig voll von Herzen kommendes Dankeschön.

Und wenn ich nach London komme, kaufe ich mir einen Morgenmantel. Wo gibt’s die schönsten?

Ihre Roswitha


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Interview auf Story-Power

Oh je und oh ja. Selbst wenn man ein Interview im Vorfeld einigermaßen vorbereiten kann, ist das Beantworten von Fragen «live» schwieriger als eine Rede, ein Vortrag, ein kompletter Erzählkunstabend.

Ich hoffe, du findest trotzdem DEN EINEN überraschenden Tipp für deine eigenen Geschichten.


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Auf Sand

Sylt. Ein Euro und ein paar Zerquetschte für den Durchgang zum Strand. Shoppingkaffeeproseccoschickimicki bleibt zurück. Stufen runter, und das Meer ist in der Mehrheit. Davor Sand. Sand zum Drauflaufen. So trocken, dass man einsinkt, die Körnchen füllen unweigerlich die Schuhe, dann feucht und fest, unter den Sohlen knirschen Muscheln. Schade drum, vorsichtig auftreten. Dann nass, weich, schaumbedeckt. Nasse Füße nur duch Nichthingehen zu vermeiden.

Geradeaus weitergehen, lebensmüde Idee, bis das Rauschen lauter wird als Hundegebell und Babygeschrei. Was wäre die letzte Geschichte?

Rømø. Übern Damm und immer geradeaus, nicht anhalten, wenn der Sand beginnt, aber dorthin fahren, wo die anderen auch sind. Wer an den weichen Stellen einsinkt, wird gerettet und viel Geld los. Sand ist wie Eis: Vollgas plus Handbremse gleich Pirouette. Oder abgewürgter Motor, schon okay. Aussteigen schwierig, der Wind treibt eine Sandwand Richtung Nordosten, die Körchen füllen unweigerlich den Mund, schenken der Haut eine natürliche Schälkur, zerkratzen die Brille.

Sich in den Wind legen, abgehobene Idee, bis das Rauschen lauter wird als die Handbremsenpirouetten. Wohin würde er mich tragen?

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Zukunft. Nicht für Euros zu haben, nicht mit dem schnellsten Auto zu erreichen. Was, wenn sie nicht auf Sand gebaut wäre?


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Fundstück

Norden ist, wenn man trotzdem rausgeht? In den letzten vier Tagen ist mir das schwergefallen. Es gab Augenblicke, an denen die Sonne durch die Wolken oder an den Wolken vorbei schien und die ganze Landschaft in ein Zauberlicht tauchte. Bis ich dann Jacke und Stiefel anhatte, war’s schon wieder vorbei.

Aber letzten Sonntag, da sah es richtig nach Frühling aus und duftete auch so. Carola hatte gesagt, kurz vor Ballum könne man wunderschön am Strand laufen. Also hin. Und feststellen: Carola hat recht.

Ich bin wohl eine gute Stunde Richtung Norden gelaufen, habe irgendwann der Fähre da draußen zugeschaut, ein riesiges weißes Etwas vor grauem und sandfarbenem Hintergrund. Dann habe ich mich mit leisem Bedauern wieder auf den Rückweg gemacht.

20160228_154701 Das Meer flutete gerade von seiner Ebbepause zurück. Sanft war es und leise, und doch schwatzte es die ganze Zeit vor sich hin wie ein Kind, das versonnen eine Geschichte erfindet. Meine Ohren lauschten, meine Augen entdeckten ein Stück entfernt weiter oben auf dem Strand einen schwarzen Rücksack. Daneben suchte eine schwarz gekleidete Gestalt anscheinend systematisch den Sand ab. Ein großes Kind? Ein junger Mann?

Weder noch. Beim Näherkommen erkenne ich, dass es eine Frau ist, in meinem Alter vielleicht, die sich immer wieder bückt, etwas aufhebt, anschaut, wieder weglegt. Als ich in Hörweite bin, richtet sie sich auf: „Hei!“ (Oder „hej!“?) Mein „Hei“ ist anscheinend akzentfrei, denn ein Schwall warmer, dänischer Wörter empfängt mich. „Ich kann leider kein Dänisch.“ – Völlig egal. Die Frau kann Deutsch, wie anscheinend alle Dänen hier.

„Schauen Sie, was ich gefunden habe. So etwas habe ich hier noch nie gesehen, und ich suche hier wahrlich oft nach interessanten Dingen.“ Das Ding, das sie mir entgegenstreckt (und das ich natürlich nicht fotografiert habe!), sieht auf den ersten Blick aus wie ein leicht zerdrücktes, kurzes Stück Plastikrohr, sieben Zentimeter lang, vier Zentimeter im Durchmesser, elfenbeinfarbig. Bei näherem Hinsehen sicher kein Plastik, und auch kein Rohr. Es sieht aus, als steckten im Inneren lauter Strohhalme aus dem gleichen Material. „Das sieht aus wie ein Stück Stoßzahn von einem Walross“, erklärt mir die Frau. „Das kommt ins Museum, auf jeden Fall.“ Ich weiß noch nicht, dass Walrosse in der Arktis wohnen – also ziemlich weit weg von hier, und freue mich von Herzen mit ihr über den Fund.

Später beschließe ich mit Elke und Barbara, dass ich am 22. März im Zollhaus Café von starken Frauen erzählen werde. Da müsste ich diese Frau eigentlich einbauen …


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Wut

«Was machst du da oben im Norden eigentlich? Urlaub oder was?»

Gute Frage! Es ist mehr «oder was». In der letzten Woche habe ich (auch) Artikel für ein Kundenmagazin geschrieben, am Jahresbericht einer Gesundheitsorganisation gearbeitet, mit der Übersetzung einer Biografie begonnen. Für den Blog vermutlich nicht so besonders spannend.

Und geprobt habe ich… anders als sonst. Wenn man nämlich hinter dem Café Zollhaus links abbiegt und dann so lange fährt, bis es nicht mehr weitergeht, dann kann man anschließend über den Deich laufen. Auf der anderen Seite ist ein geteerter Weg.

Da ist dann niemand. Ein paar Möwen vielleicht und andere Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Und, wenn man dem Plakat in dem Informationsstand bei dem kleinen Parkplatz glauben darf, ganz viel Getier, das ich nicht sehen kann. Leckerbissen für all die Vögel, die hier Rast machen oder sogar brüten. Aber sonst hört niemand zu.

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Also erzähle ich dort. Dem Wind, dem Gras, dem Meer, den Möwen, vielleicht noch dem Autozug nach Sylt, der in der Ferne vorbeifährt. Ich erzähle von Wut. Wie sich Kain vom Dämon der Wut überwältigen ließ, von Rumpelstilzchen, das sich vor lauter Wut mittendurch gerissen hat, und von Prometheus, der so wütend auf Zeus war, dass er …

Kommst du hinhören? Freitag, 26. Februar, 19.00 Uhr im Herzkraftwerk, Budapester Straße 47 in St. Pauli. Sag schnell Bescheid: 0151 546 32027. Es kostet 15 Euro (bzw. 25, wenn du auch etwas essen und trinken möchtest).