Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Zeitreisen. Vor und zurück.

BruderKlaus

Wilhelm Busch: Der unsichtbare Schäfer

Es riefen mal drei Zwerge
Vor einem hohlen Berge:
»Vater Klaus, Vater Klaus,
Wirf Hütchen heraus!«
Und eins, zwei, drei im selben Nu
Fliegt jedem Zwerg ein Hütchen zu.

Für mein Erzählprogramm „Balladensch(w)atz“ ist aus „Vater Klaus“ „Bruder Klaus“ geworden, weil ich im Wallis so manchem Bruder-Klaus-Kapellchen über den Weg gelaufen bin. Wenn man das üerhaupt so sagen kann – schließlich stehen die Kapellchen am Weg, und manchmal sogar auch ein bisschen versteckt. Als ich letztens in der Kirche in Ernen war, stand Bruder Klaus schon dort, mit seinem Stab und der Gebetskette, und schaute an mir vorbei. Aufgefallen ist er mir trotzdem. Nur, seine Einladung hatte ich immer noch nicht angenommen.

Dazu musste ich erst auf dem Rückweg von München nach Obergerlafingen Pause in St. Gallen machen. Trotz 23 Jahren in der Schweiz war ich zum ersten Mal dort. Bruder Klaus war da auch in einem Pavillon aus Holz, Stahl, Stoff – für zwei Tage bloß, als habe er auf mich gewartet!

Meine Neugier war geweckt. Als ein leiser Gong ertönt, betrete ich den Pavillon und komme in die erste aus drei dünnen grauen Vorhängen und einer Holzwand bestehenden Kammer. Ich setze mich auf den Stuhl. Noch lassen sich schemenhaft die Vorgänge auf dem Platz erkennen, ich höre nicht nur, was draußen gesprochen wird, ich verstehe es auch. Doch schon bin ich ein bisschen entrückt.

Nach dem nächsten Gong geht es durch einen Schlitz im Vorhang in die nächste Kammer. Der Stuhl „schaut“ zur anderen Seite. Die Stimmen von draußen werden leiser. Gedanken kommen. Wie lebe ich? Wie hat Nikolaus von Flüe gelebt, auf den ich noch treffen werde? Wie werden die Menschen leben, wenn sie in 100 Jahren die Kugel öffnen und die Texte aus alter Zeit lesen werden?

Gong. Dritte Kammer. Der Stuhl steht so wie der erste. Nach kurzer Zeit tritt leise eine Frau mit einem großen Korb ein. Tasche, Schmuck, Schuhe wandern hinein. Unbelastet von allem scheinbar Notwendigen soll ich reisen. Draußen beginnt es zu regnen. Hat Nikolaus von Flüe den Regen auch so gehört? Oder klang Regen damals anders? Bis zum nächsten Gong reist mein Geist 600 Jahre lang rückwärts, 100 Jahre lang vorwärts. Wie war das? Wie wird das sein? Wie wäre es, tatsächlich einen Blick werfen zu können.

Die Holzwand in der vierten Kammer ist anscheinend eine Tür. Im oberen Drittel ist eine Schlaufe aus weißem Gurtband befestigt. Tatsächlich tritt von der Seite eine Frau ein, öffnet die Tür und lässt mich in einen mit dunklem Teppichboden vollständig ausgekleideten Raum eintreten. Da steht er, aus Holz geschnitzt, auf einem Sockel. Wenn er wirklich so ausgesehen hat, hat man früher vielleicht gesagt, sein Gesicht sehe aus wie aus Holz geschnitzt. Er schaut mich nicht an, lässt sich betrachten. Wir sind beide nicht mehr in der Zeit. Ich könnte noch lange so stehen. Der Gong ertönt zu bald, die Tür öffnet sich. Die Begegnung ist vorbei.

Eine Stoffkammer, ein Stuhl, der Korb mit meinen Sachen.

Vier kleine Zellen. Ich darf mir eine aussuchen. Ein Stuhl, ein Tisch, auf dem Tisch ein DIN-A5-Block, ein Bleistift. Ich darf schreiben, so lange ich will. Mit dem letzten Strich wird der Lärm von draußen anscheinend wieder lauter. Es regnet noch immer. Mein Papier fällt in die kupferne Kugel. 100 Jahre sollst du schlafen! Ob die Spuren unserer Bleistifte auf dem Papier dann noch zu entziffern sind? Ob noch jemand unsere Handschriften lesen kann? Ob es jemanden interessiert?

Ein bisschen orientierungslos gehe ich durch den Regen. Weil ich zum ersten Mal in St. Gallen bin? Oder weil ich gerade von einer langen Zeitreise zurückkomme?

Nikolaus reist gerade durch die Schweiz. Wenn er bei dir vorbeikommt, besuch ihn doch mal. Oder reise ganz absichtsvoll hin. Es lohnt sich: http://www.mehr-ranft.ch/projekte/niklaus-von-fluee-unterwegs/

 


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Begeistert!

Vor langer, langer Zeit, vor gut einem Jahr fragte mich eine Lehrerin, ob ich sie bei einem Schulprojekt unterstützen könne. Ihre Schule führe ein Projekt «Lernfamilie» durch, in dem Schüler aus der 1. bis 6. Klasse ein Jahr lang an einem Projekt arbeiteten. Sie – als Handarbeitslehrerin – plane, mit ihrer elfköpfigen Mädchengruppe ein Buch aus Putzlappen zu gestalten. Es fehle noch die Geschichte für das Buch, und sie habe gehört, ich hätte da so einen Geschichtenbaukasten…

Stimt, ich arbeite mit dem Geschichtenbaukasten von Helga Gruschka. So entstand die Geschichte von der kleinen Malerin Pampelmus vom Nadelfluss, die ihre Bilder so gern in der Stadt im Museum zeigen wollte.

Heute, viele Monate später lag in meinem Briefkasten ein dicker Umschlag. Die Lehrerin, Jacqueline Bättig hatte auch für mich ein Putzlappenbuch gemacht. Ein Kunstwerk! … Seht selbst:


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Gamarjoba, Roswitha!

Hättest du’s gewusst? – Gamarjoba heißt hallo. So wird man in Georgien begrüßt.
Warum ich so etwas weiß? – Weil ich ein neues Hobby habe, das fast überhaupt nicht elektronisch ist, aber ganz viel mit Kommunikation zu tun hat: Postcrossing.

Der elektronische Teil 1 von Postcrossing besteht darin, dass du dich auf www.postcrossing.com registrierst und dir Postadressen – also so richtig Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Stadt, Land – von anderen Postcrossern geben lässt.

Diesen Menschen schreibst du dann ganz konventionell eine Postkarte. Wenn deine Postkarte beim Empfänger angekommen ist und dieser die Karte registriert hat (s. u., elektronischer Teil 2), geht auch deine eigene Postadresse in den Verteiler, und irgendwann landen Postkarten in deinem Briefkasten.

Wenn du eine Postkarte in deinem Briefkasten findest, kommt der elektronische Teil 2: Du registrierst die Karte auf der Postcrossing-Plattform.

Ich habe erst vor zwei Wochen mit dem Spiel begonnen. Es sind gerade vier Postkarten unterwegs, unter anderem nach Weißrussland und Taiwan, zwei sind schon am Ziel (in Deutschland und Finnland), und die erste habe ich gerade erhalten. Da öffnet sich ein papiernes Fenster zur Welt. Ich bin gespannt, wie bunt meine Landkarte in den nächsten Wochen und Monaten wird. Wer weiß, vielleicht begegnen wir einander auch einmal im Format DIN A6??

Ach ja, und bei jedem neuen Einloggen wirst du in einer anderen Sprache begrüßt. Hallo auf kroatisch heißt bok.


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Der Norden schweigt? – Ach was!

St. Peter-Ording sei schön. Also fahre ich am vorerst letzten nördlichen Sonntag hin. Den Weg bis Husum kennt mein Auto schon, danach hilft die Luise mit präzisen Richtungs-, Abbiege- und Geschwindigkeitshinweisen. Dann die Kreuzung, das Schild, kein Foto.

Nach links geht es wohl zu einem entfernten Kollegen. Wer anders sollte in (der) Reimersbude wohnen als ein Dichter? Ein tolles Umfeld hat der Reimer sich ausgesucht. Wenn’s ihm an Humor gebricht, geht er in die nächste Umgebung: Witzwort. Hält er es hingegen mit hanebüchenen Hab- und pyramidonalen Saumseligkeiten, fährt er weiter … und kommt nach Oldenswort.

Sollte es mit der Reimerei gar nichts werden, liegt (der ganze) Krempel im Süden. Und links von St. Peter-Ording, da findet der Reimer alles, was er braucht: Welt.

Der Ausflug hat sich gelohnt; manchmal war’s zum Brüleen!


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Auf Sand

Sylt. Ein Euro und ein paar Zerquetschte für den Durchgang zum Strand. Shoppingkaffeeproseccoschickimicki bleibt zurück. Stufen runter, und das Meer ist in der Mehrheit. Davor Sand. Sand zum Drauflaufen. So trocken, dass man einsinkt, die Körnchen füllen unweigerlich die Schuhe, dann feucht und fest, unter den Sohlen knirschen Muscheln. Schade drum, vorsichtig auftreten. Dann nass, weich, schaumbedeckt. Nasse Füße nur duch Nichthingehen zu vermeiden.

Geradeaus weitergehen, lebensmüde Idee, bis das Rauschen lauter wird als Hundegebell und Babygeschrei. Was wäre die letzte Geschichte?

Rømø. Übern Damm und immer geradeaus, nicht anhalten, wenn der Sand beginnt, aber dorthin fahren, wo die anderen auch sind. Wer an den weichen Stellen einsinkt, wird gerettet und viel Geld los. Sand ist wie Eis: Vollgas plus Handbremse gleich Pirouette. Oder abgewürgter Motor, schon okay. Aussteigen schwierig, der Wind treibt eine Sandwand Richtung Nordosten, die Körchen füllen unweigerlich den Mund, schenken der Haut eine natürliche Schälkur, zerkratzen die Brille.

Sich in den Wind legen, abgehobene Idee, bis das Rauschen lauter wird als die Handbremsenpirouetten. Wohin würde er mich tragen?

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Zukunft. Nicht für Euros zu haben, nicht mit dem schnellsten Auto zu erreichen. Was, wenn sie nicht auf Sand gebaut wäre?


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Lauschen

Seit ich im «Bardic Handbook» diese Lauschübung gelesen habe, kann man mich immer wieder mal mit geschlossenen Augen irgendwo stehen oder sitzen sehen beim Versuch, alles zu «erhören», was um mich herum Laut gibt. Wenn man glaubt, es sei ganz still, dann ist da immer noch etwas, und wenn es das Blut ist, das in den Ohren rauscht.

An einem sonnigen Frühlingsnachmittag ist es wahrscheinlich nirgendwo still, aber das, was mich empfängt, als ich über die Deichkrone komme, das klingt richtig nach Lärm. Kein Meeresrauschen. Gänsegeschnatter. Ein Konzert, das alles zu übertönen scheint, dabei sind die Tiere noch ein paar hundert Meter entfernt.

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Wie ist es wohl, wenn man mitten unter ihnen ist? Ich gehe langsam auf die Tiere zu. Sie scheinen mich gar nicht zu beachten. Dann der Moment, wo ich wohl zu nahe bin. Die erste Gruppe flattert auf, die Schreie klingen anders, ein paar hundert Flügel setzen die Luft in rauschende Bewegung. Noch sechzehn Schritte, dann starten die nächsten. Ein Stück hinter mir lassen sie sich wieder nieder, nur wenige fliegen weiter weg.

Nein, «mitten unter sie» komme ich nicht, um ihrem Geplauder zu lauschen. Da ist ein magischer, gänseloser Kreis um mich herum. Aber außerhalb davon sind sie links und rechts von mir, vor, hinter, über mir.

Augen zu. Was höre ich noch? Neue Stimmen plötzlich. Dunkler, ruhiger, «gemach, gemach» scheinen sie zu rufen, legen einen Bassteppich unter das Schnattern. Augen auf, Augen hoch. Ein Schwanenpaar, elegant, fast gewaltig. Dann sind sie auch schon weg. Es war ihnen wohl zu laut.

Ich gehe auf die andere Seite des Deichs. Vogelstimmen treten aus dem Geschnatter hervor, die Sänger hingegen bleiben verborgen. Mein Augen schauen auf den Weg, mein Kopf stimmt das Kinderlied an: Heile, heile …

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… in hundert Jahr’n ist alles weg.


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Nicht Berg. Nicht Tal.

Es scheint, als seien die Winterstürme vorbei. Ich höre beim Aufwachen nicht mehr, wie das Wetter ist. Dafür kann ich es sehen, denn vor meinem Fenster sind grüne Plissee Rollos gespannt, durch die ich wahlweise das Licht von oben, von unten, von oben und unten und gar nicht reinlassen kann. Ich habe mich für die Variante «von oben» entschieden und sehe deshalb den Morgenhimmel. Heute nur leicht bewölkt, darüber frühlingsblau.

Zeit, endlich mal runterzukommen. Waltraud hat Meditation empfohlen. Gute Idee. Aber bitte nicht still sitzend.

Ich gehe . Links der Deich, dahinter Windräder. Weit, weit vor mir winzig klein der Hindenburgdamm, über den der Autozug wie ein Tausendfüßler dahinkriecht. Rechts das Watt. Vogelreich. Norden ist, wenn man mittwochs sieht, wer sonntags zu Besuch kommt.

Wie lange ich laufe, könnte ich an der Zahl der Tausendfüßler weit vor mir auf dem Damm errechnen. Die Windräder strecken nur noch die Spitzen der Rotorblätter über den Deich. Seit mehr als einer Stunde bin ich unterwegs. Links der Deich, rechts das Watt. Vogelreich. Ich drehe mich um, schaue zurück: rechts der Deich, links das Watt. Vogelreich.

Gehen, gehen, gehen. Die Landschaft ändert sich nur ganz behutsam. Wie wäre sie wohl ohne Windräder, ohne den Damm nach Sylt?

Ich denke an Wanderungen im Berner Oberland, im Wallis, an den Sonntagsspaziergang auf den Berner Hausberg, den Gurten. Da gehst du keine fünf Minuten, und schon sieht die Welt anders aus: Ein Tal eröffnet neue Ein-, eine Anhöhe neue Ausblicke. Geradezu hektisch!

Der Weg führt den Deich hinauf. Koog. Vogelreicher. Flach. Wenn man den Windrädern den Rücken zudreht, weit. Sehr weit. Man könnte mittwochs sehen, wer sonntags zu Besuch kommt. Ich atme durch.

Wo kein Berg ist und kein Tal, kommt man gut runter.


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Aua ;)

Steffi von gegenüber hat mir ihre Monatskarte geliehen. Toll, die Dinger sind übertragbar und man kann sie ganz legal teilen. Aber auf die Idee muss man erstmal kommen, der neuen, temporären Nachbarin so ein Angebot zu machen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar und froh, dass die Karte in meiner Tasche steckt, denn möglicherweise ist es ziemlich kompliziert, eine Fahrkarte zu lösen. Im Nebel stoße ich auf dem Bahnsteig auf einen Fahrkartenautomaten:

20160219_090457  Ein wichtiger Hinweis!

Mein Blick wandert nach Süden, da bewegt sich etwas Graues in der Luft auf der anderen Seite der Gleise. Nach zweimal Hinschauen erkenne ich, dass dort ein Windrad steht, dessen Rotorblätter nur dann durchs Nebelweiß blinzeln, wenn sie nach unten zeigen.

O je. Wäre ich nicht um 10 Uhr mit Linde verabredet, stände ich jetzt nicht hier. Aber Micaela hat gesagt, wenn du schon auf Sylt bist, dann solltest du dich auch mit Linde verabreden. Doch, doch, ihr habt bestimmt genug Gesprächsstoff. Also hab ich geschrieben und mich einladen lassen. 10 Uhr in Westerland, in einem Wohnviertel nördlich vom Bahnhof.

In Klanxbüll muss ein Engel eingestiegen sein, anders ist es nicht möglich. Man sieht gerade ein paar Sträucher und Bäume am Ende des Damms, da guckt schon die Sonne raus. Über Westerland lacht der Himmel. Eben, so als sei ein Engel unterwegs.

Wir sprechen über Märchen. Wir sprechen übers Erzählen. Die schmale Dame mit den fast weißen Haaren und den lebendigen Augen wirkt, als sei sie selbst einem Märchen entstiegen. Eine Frau, die der suchenden Heldin den Weg weist, ihr einen magischen Gegenstand in die Hand drückt, ihr sagt, dass alles gut wird. Anderthalb Stunden vergehen wie im Flug, meine Tasche ist danach schwerer: Die Önereersken von Sylt stecken – mit einer liebevollen Widmung versehen – drin und als Dreingabe das Praxisbuch Märchen. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, während ich zum Bahnhof zurücklaufe und beim Herrn Leksus, er kommt aus Polen, erfahre ich später, ein gelbes Fahrrad miete. Gemütlich sieht es es aus mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker.

Dieses Mal fahre ich Richtung Norden, lasse Häuser links und rechts liegen, für die mir nur das Adjektiv schmuck einfällt. Lasse mir am Empfang vom Campingplatz sagen, dass ich hier selbstverständlich nicht weiterkönne, dazu habe man an der Einfahrt schließlich eine Schranke angebracht. Und dann radle ich durch die Dünen, die Dünen, die Dünen. Zwischendurch geht’s angenehm bergab, ein leichter Rückenwind schiebt mich an. Warum sollte ich die rund 20 Kilometer bis zum Ellenbogen nicht schaffen?

Es scheint, als habe das Radfahren meine verstopfte Nase freigepustet. Zum ersten Mal rieche ich Seeluft. Am liebsten würde ich mich in den Sand legen und mich zuwehen lassen. Aber der Sand ist feucht und kühl und ich bin ja so vernünftig.

Für den Hinweg habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Wenn der Rückweg genauso schnell geht, bin ich in Westerland, bevor der Herr Leksus seinen Laden wieder aufmacht. Das wäre blöd. Petrus in seiner himmlischen Wetterstation muss das gehört und verständnisvoll genickt haben. Er lässt die Sonne am Himmel stehen und schickt nur ein bisschen Wind. Keinen Rückenwind, wohlgemerkt. Auf dem gemütlichen gelben Rad mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker sitzt frau voll IM Wind. Und was ich auf dem Hinweg als „angenehm bergab“ empfunden habe, zeigt mir jetzt, wie lange ich tatsächlich nicht mehr Fahrrad gefahren bin. Au Mann, aua!

Das Pärchen, mit dem ich am Strand ein paar Worte gewechselt hatte, überholt mich mit Schwung. Mein Atem reicht für: „Sie sind aber fit!“ Die Antwort ist tröstlich und gut fürs Selbstbewusstsein: „Wir haben ja auch einen Motor.“

Wo gibt’s in Kampen den besten Kaffee? Jemand, der wie ein Einheimischer aussieht, schickt mich zur Kupferkanne: „Da kann man toll draußen sitzen, und die ham groooße S-tücken Kuchen.“ Genau das brauche ich jetzt.

Und Petrus? Der findet meine Pause anscheinend völlig unangemessen und schiebt mal schnell eine Wolke vor die Sonne. Freundlicherweise wartet er mit dem ersten Regenschauersprühstoß, bis ich meinen Kuchen – Pflaumenkuchen mit Sahne, mhm! – fast aufgegessen habe. Kaum sitze ich, gut verpackt in der zweiten Jacke, die den ganzen Tag über in der Tasche geblieben war, Schal, Mütze und Handschuhen wieder auf meinem gelben Stahlross mit dem unglaublich harten schwarzen Sattel, schiebt Petrus die Wolke wieder weg. Als ich in Westerland beim Herrn Leksus vom Rad taumele, bin ich ein bisschen verschwitzt.

Gemächlich schlendere ich zum Bahnhof. Der Zug nach Klanxbüll fährt in acht Minuten. Ich versuche, mich aufs Märchenbuch zu konzentrieren. Keine Chance. Nicht schlimm, der Tag war märchenhaft genug.


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Nebel

„Nimm doch mal die kleine Keramikschale da von der Fensterbank und mach sie auf. Guck, da ist ganz normales Salz drin, aber anstatt eines Löffels hab ich eine kleine Pfahlmuschel genommen.“

In dem Keramikschälchen ist mehr als ein paar Salzkörnchen und einen Streifen glänzenden Perlmutts. Eine ganze Welt liegt in dem Salzfässchen, wo Tränen deine Wangen streicheln, wo Lehm jeden Schritt zur Anstrengung gerinnen lässt, wo scharfe Kanten in deine Zunge und deine Gedanken schneiden. Alles Wissen der Urzeit zusammengepresst zu einer Essenz. Das Können, das Wollen, das Bollwerk. Der Deckel schließt sich über dem Geheimnis.

– – – – – – – – –

Nur das Dröhnen ist geblieben. Die Hafenanlagen hat der Nebel eingepackt, nicht mal die Scheinwerfer dringen durch. Ob die Krane und Stapler diese Atmosphäre auch spüren? Oder wenigstens die Kranführer und Staplerfahrer? Die haben wohl keine Zeit dafür. Ein Schwarm Möwen lässt sich landeinwärts fallen, grauweißflügelschlagende Hektik übereilt das Krähenschwarz, an das ich mich schon gewöhnt hatte. Sie werden doch wohl nicht …? – Nein! Die Meisenknödel bleiben unberührt. Ein kräftiges Flügelschlagen, auf geht’s Richtung Dach, dann sind sie weg. Das Ausflugsschiff mit dem Aladdin-Schriftzug taucht aus der grauen Wand auf, legt an, ein Mensch in Rosa steigt ein, Ablegen zum Ausflug ins Nichts. Es scheint, als sei das Dröhnen lauter geworden.


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Es war 1001 Mal – eine Buchempfehlung

Es war nicht vor langer, langer Zeit, sondern genau am letzten Tag des Jahres 2015. Ein Tag, an dem wohl nur in der Schweiz die Post ausgetragen wird. Da lag es im Briefkasten, verpackt in einem stabilen braunen Umschlag: „Es war 1001 Mal – Märchenreisen durch Leben und Welt“ mit Texten von Margarete Wenzel und Illustrationen von Anita Ortner.

Ja, ja, eigentlich macht man am Silvesternachmittag andere Dinge, aber die Verlockung war zu groß. Und das Sonnenblumenfeld auf dem Titel mit dem Jungen, der im roten Kapuzenpulli auf einer Blüte hockt, zog mich magisch an. Mehr als 40 kurze und längere Märchen aus aller Welt möchten gelesen werden, werden gelesen.

Margarete Wenzel, Märchenerzählerin, Autorin, Philosophin, Seminarleiterin aus Wien, hat die Märchen nicht nur gesammelt. Sie hat sie auch, wie sie im Vorwort erläutert, verinnerlicht, erneut in eine mündliche Erzählsituation überführt. Wer diese Märchenfassungen liest, glaubt sofort, was Margarete im Vorwort sagt: Sie hat die Stoffe anhand „innerer Bilder“ gelernt, „erforschte die Dynamik der Handlung, befragte Erfahrungswerte und recherchierte zu historischen und kulturellen Tatsachen“.

Da bekommt man so manche kleine Erklärung wie nebenher geliefert, eine Geschichte wird verständlich(er), weil man in einem Nebensatz Hintergründe erfährt. Anderes, wahrscheinlich viel Wichtigeres, erschließt sich durch den Inhalt der Geschichten. Was geschieht, wenn ich mich ganz und gar in mein Tun vertiefe, so wie es der ewige Maler tut? Muss ein Drachentöter immer die Prinzessin heiraten? Was denkt eigentlich die Prinzessin über einen Retter, der gern unabhängig bleiben möchte?

Wir erfahren, wie weise vermeintliche Dummheit sein kann, gehen mit den Märchenhelden über verschlungene, gefährliche, lehrreiche Lebenswege, lernen, wie viel Gutes der Tod hat, werden beim Lesen hungrig und satt und dürfen uns Mal für Mal auf das Wunder des Erzählens einlassen.

Nicht nur für Erzählerinnen und Erzähler spannend: Die Geschichten hinter den Geschichten, die in diesem Buch deutlich mehr zu bieten haben, als es Quellenangaben gemeinhin tun.

Dazu gibt es zu jeder Geschichte eine Illustration von Anita Ortner, in die man sich mit großem Vergnügen versenken und die Geschichte vor-, nach- oder miterleben kann. Oder man kann sie ganz anders ansehen: als eigene, eigenständige Geschichten!

Ich wünsche mir von Herzen, dass viele Menschen die Welt der Märchen über dieses Buch neu oder wieder entdecken. Vielleicht auch deshalb, weil die eine oder andere Geschichte mit Sicherheit in mein Repertoire schlüpfen wird und ich mich schon jetzt auf den Austausch mit meinen Zuhörerinnen und Zuhörern freue.

Es war 1001 Mal
Margarete Wenzel und Anita Ortner
Tyrolia-Verlag.at
ISBN 978-3-7022-3488-