Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Montagmorgengeschichten: Schon fast ein Jahr

 

Es begann am Telefon. Ich gestand, dass mir schon Aufträge entgangen sind, weil ich kein Buch geschrieben habe. Ellen Gürtler, die kluge Frau am anderen Ende der Leitung fragte nach und packte schließlich eine Idee aus: „Wenn du kein Buch und keinen Blog SCHREIBEN willst, dann ERZÄHL doch einen Blog – jeden Montagmorgen eine Geschichte!“

Mir fielen auf Anhieb 1327 Gründe ein, warum das nicht geht. Aber die kleine Stimme irgendwo in Bauch, Herz oder Kopf blieb hartnäckig: „Probier es doch einfach mal!“

So saß ich am 6. August 2018 früh morgens hübsch geschminkt vor dem Computer, kämpfte mit der Beleuchtung und erzählte schließlich der Kamera, warum ich dort saß. Seither gehe ich aufmerksamer durch die Welt: Ist diese Begegnung Ausgangspunkt für die nächste Montagmorgengeschichte? Soll ich über jenes Buch sprechen?

Manchmal habe ich Stichworte notiert, manchmal eine ganze Geschichte aufgeschrieben. Erzählt habe ich meist etwas ganz anderes, nämlich das, was mich gerade im Moment des Erzählens, wenn das leidige Beleuchtungsproblem für diesmal gelöst war, bewegte. Erstaunlich: Es gab immer ein Thema – eine Antwort, die ich in der vergangenen Woche gefunden hatte, eine Frage, die offen geblieben war. Und der Gedanke an die, die mir zuhören: „Wie ist das denn bei dir?“ oder „Ich wünsche dir für diese Woche…“

Tatsächlich habe ich in jeder der letzten 50 Wochen eine Geschichte erzählt, manchmal erst mittags oder abends, einmal, glaube ich, erst am Dienstag. So viel Disziplin hätte ich mir nie zugetraut, und darum bin ich ein wenig stolz auf mich. Auf mich? Könnte es sein, dass ich tatsächlich vom regelmäßigen Geschichtenerzählen profitiert habe? – Tatsächlich!

Montagmorgengeschichten zu erzählen, das ist ein bisschen wie träumen. Es hilft beim Verarbeiten dessen, was mich beschäftigt. Heute erzähle ich öffentlich Montagmorgengeschichten. Und mir selbst erzähle ich Dienstags-, Mittwochs-, Donnerstags-, … Sonntagmorgengeschichten. Geschichten, die sich vordrängen, die danach schreien, erzählt zu werden, zumeist solche, die mich belasten:  Ich möchte mich beschweren, jammern, klagen; ich sollte verkünden, wie XY mich verletzt hat, sollte meine Entscheidungen und die Wege dahin kundtun oder, oder, oder. Aber nein: Persönliche Konflikte gehören nicht ins Web, Bahnabenteuer erst, wenn ich wieder drüber lachen kann, und, ja, manche Entscheidung möchte ich für mich behalten. Also erzähle ich mir die Geschichte selbst. Laut. Jawoll, manchmal vor dem Computer. Ganz oft sind  die Themen danach „gegessen“. Ich muss nichtmehr stundenlang nach Antworten suchen, investiere meine Energie nicht in „was wäre gewesen, wenn“-Überlegungen, finde eine Handlungsalternative, die sich erst durchs Aussprechen zeigt. Montagmorgengeschichten sind auch Selbstfürsorge.

Und sie sind – ein ganz anderer Aspekt! – ein prima Training. „Sprache entsteht durch Sprechen“ hat unser Erzähllehrer immer gesagt. Seit 50 Wochen spreche ich mindestens einmal pro Woche in die Kamera. Ich kann mich beobachten, sehe und höre, wie ich atme, ob ich genügend Pausen mache, in denen ich mich tatsächlich entspanne, wie oft ich die Augen schließe, wie viele „Unds“, „Sos“, „Eigentlichs“ ich benutze. Wenn mir das, was ich sehe, nicht gefällt, mach‘ ich’s einfach nochmal. Die „Rampensau“ in mir hat Spaß daran.

KEINE meiner Geschichten ist übrigens „viral gegangen“ (was für ein Wort!). Einige haben zu anregenden 1:1-Gesprächen geführt; den einen oder die andere konnte ich auf eine neue Idee bringen. Wenn ich einen einzigen Menschen pro Woche berührt oder angeregt habe, genügt das. Und so führt mich meine wichtigste Erkenntnis an den Ausgangspunkt zurück. Ich will wirklich kein Buch schreiben, und „viral“ ist mir zu groß. Fein, kompetent und persönlich, so möchte ich arbeiten, die Geschichten meiner Kunden, ihrer Produkte, ihrer Leistungen in Worte fassen, ihnen helfen, ihre Geschichten selbst zu erzählen. Sie haben eine solche Geschichte? – Dann lassen Sie uns darüber reden. Einfach nicht am Montagmorgen 😉

Am Montagmorgen möchten vielleicht auch Sie ein Tage- oder Wochenbuch erzählen. Vielleicht möchten auch Sie sich herausfordern oder sich auf die Spur kommen? Schalten Sie die Kamera an ihrem Computer ein, sehen Sie zu, dass ihre Brille nicht spiegelt und ihr Gesicht nicht halb im Schatten liegt, und los! Was immer dabei heraus kommt: Es lohnt sich, über den eigenen Schatten zu springen.


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Montagmorgen #50: Nähe und Distanz

Die „Gänge“ in der Lübecker Altstadt sind Kleinode: Winzige Häuschen an schmalen Gängen, die sich hinter Einfahrten in ehemaligen Hinterhöfen verstecken. Die Häuser sind bunt bemalt, die Gänge liebevoll mit Blumen, Pflanzen, Tischen, Stühlen und Kunstwerken geschmückt, und ich habe jedes Mal, wenn ich dort bin, das Gefühl, ich betrete den privaten Raum anderer Menschen.
Mich erinnert das an Gespräche, die ich mit anderen führe – im beruflichen Kontext z. B. mit Hochzeitspaaren, denen ich ja sehr private Fragen stellen darf oder gar stellen muss, aber auch privat. Wie nah darf ich den Menschen treten? Wie intensiv darf ich in ihr Küchen-, Badezimmer- oder gar Schlafzimmerfenster schauen? Woran merke ich, ob näher kommen darf, näher kommen will?
Woran merkst du so etwas? Und was tust du, wenn jemand deine Grenze überschreitet? Hier gibt’s wieder ein paar neugierige Montagmorgenfragen für die kommende Woche.


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Montagmorgen #45: Wie fängst du an?

Wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt, die Ähnliches tun wie man selbst, entstehen manchmal interessante Fragen. So wollte der junge Radiomoderator, den ich letzten Samstag bei einer Hochzeit traf, wissen: „Wie fängst du denn deine Storys an, wenn du solche technischen Themen hast?“ … Ja, ja, wir waren nicht mehr beim Thema Hochzeit, sondern bei den PR- und Werbethemen, mit denen ich mich als Texterin befasse! …

In kürzester Zeit waren wir uns einig, dass wir beide die gleiche Technik benutzen, nämlich Storytelling. (Ach was?!?!?!) Auch wenn du ein hoch komplexes Thema behandeln musst, spricht ja gar nichts dagegen, deinen Leser*innen den Einstieg leicht zu machen. Mit zwei, drei Sätzen,

  • die zeigen, wie das Thema sich im Leben des Lesers auswirkt
  • die uns mitnehmen zu einer Erfahrung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen
  • die eine Frage aufwerfen, über die man sich eher selten Gedanken macht

lässt du Frau Leserin und Herrn Leser sanft in deinen Artikel hineinrutschen. Das gilt übrigens auch für Vorträge und Präsentationen. Probiere es doch mal aus.


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Montagmorgen #37: Storytelling zu dritt

Ein wunderbares Storytelling-Wochenende liegt hinter mir. Mary-Alice, Yannis und Jan haben einen Live-Workshop zum Thema Imagine 2019 in Bonn organisiert, und wir haben mit Storytelling-Mitteln auf die ersten dreieinhalb Monate des Jahres zurückgeschaut und herausgefunden, was wir für die nächsten Monate mitnehmen können. Von einer Übung erzähle ich hier. Du kannst sie allein ausprobieren. Wenn du aber zwei Mitmacher*innen findest, wird es viel, viel spannender:

 


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Der Appetithappen. Eine Weihnachtsgeschichte im Januar.

Bei der Adventsfeier bei Mrs. Sporty in Lohbrügge habe ich diese Geschichte erzählt, und anderswo auch schon. Wenn dir das gefällt und du andere Geschichten – solche von starken Frauen und Mädchen nämlich – hören möchtest und gerade in Hamburg, um Hamburg, um Hamburg herum bist, dann komm doch vorbei: Am Donnerstag, 17. Januar um 19.30 Uhr, Lohbrügger Straße 28. Eintritt für Mrs.-Sporty-Mitglieder 7 Euro, für Nicht-Mitglieder 10 Euro. Ich freu mich auf dich.


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Frauentag. Weil’s gerade passt …

8. März, Frauentag, und ich bin nicht vorbereitet. Dabei gibt es doch Themen genug. Ein wenig frustriert greife ich zu meinem neuen, uralten Geschichtenbuch «Der Kreis der Lügner» von Jean-Claude Carriére und finde eine Sufi-Geschichte:

Ein Sultan hörte von einem großen Scheich, der in Anatolien lebte und Hunderttausende getreuer Untertanen hatte. Der Sultan war erschreckt von dieser Zahl und spürte deren Bedrohlichkeit, so dass er den Scheich nach Istanbul rufen ließ und ihn fragte:

«Was höre ich da? Du hast Hunderttausende, die bereit sind, für dich zu sterben?»

«Aber nein», antwortete der Scheich. «Ich habe nur eineinhalb.»

«Warum erzählt man mir dann, dass du das ganze Land erheben könntest? Wir werden sehen! All deine Untertanen sollen sich morgen früh auf der Wiese vor der Stadt versammeln.»

Überall wurde ausgerufen, dass die Getreuen des Scheichs sich am nächsten Morgen auf der Wiese versammeln sollten, weil der Scheich höchstpersönlich dort sein würde.

Auf einer Anhöhe, von der aus man die Wiese überblicken konnte, ließ der Scheich ein Zelt errichten. Ins Zelt brachte er ein paar Schafe, aber so, dass niemand sie sehen konnte.

Die Getreuen kamen in Scharen. Der Sultan, der mit dem Scheich vor dem Zelt stand, sagte: «Du hast behauptet, nur eineinhalb Getreue zu haben. Sieh hin! Sie sind zu Tausenden, ja, zu Zehntausenden gekommen!»

«Du wirst sehen – ich habe nur einen Getreuen», antwortete der Scheich. «Sag ihnen, ich hätte ein Verbrechen begangen, und du wirst mich hinrichten lassen, wenn sich nicht einer meiner Getreuen für mich opfert.»

Der Sultan nickte und verkündete. Doch schnell trat ein Mann vor und sprach laut: «Der Scheich ist mein Herr. Alles, was ich weiß und habe, verdanke ich ihm. Ich gebe für ihn mein Leben.»

Er ging auf die Anhöhe hinauf, wurde ins Zelt geführt, und dort schnitt man einem der Schafe die Kehle durch. Jeder konnte sehen, wie das Blut aus dem Zelt floss.

Da sprach der Sultan: «Ein Leben genügt nicht. Ein weiterer Getreuer muss sich für den Scheich opfern, damit ich sein Leben verschone.»

Es war still auf der Wiese. Totenstill. Da trat eine Frau vor: «Er ist es wert zu leben. Ich opfere mich gern für ihn.»

Auch sie ging die Anhöhe hinauf und wurde ins Zelt geführt. Und wieder schnitt man einem Schaf die Kehle durch. Die Menge sah das Blut fließen und begann, sich langsam, aber sicher zu zerstreuen. Schon bald war die Wiese leer.

«Da siehst du’s», sagte der Scheich zum Sultan. «Anderthalb Getreue.»

«Der Mann ist ein ganzer Getreuer und die Frau ein halber?», wollte der Sultan wissen.

«Im Gegenteil», antwortete der Scheich. «Der Mann wusste nicht sicher, dass man ihm im Zelt die Kehle durchschneiden würde. Doch die Frau hat das Blut gesehen und ist dennoch gekommen. Sie ist die wahre Getreue.»