Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Lesetipp: Lars Vollmer

Ich lese nicht so häufig Blogs und Kolumnen. Sorry! Manchmal lasse ich mich aber  verführen, und so bin ich irgendwann bei einem Sprach- und Gedankenverführer gelandet, bei Lars Vollmer. Diesen Beitrag hatte ich heute in meiner Mailbox … und ich teile ihn mit dem klaren Ziel, dich auch zum Lesen und Denken zu verführen.

Der letzte Satz des Beitrags lautet übrigens:

Der Komplexität gerecht werden, indem die Sprache präzise wird, ist eine Form des Erwachsenseins.

I like http://larsvollmer.com/planung-ist-fuer-kinder-ueber-die-macht-der-flutschbegriffe/


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Unschuldige Geschichten?

Als ich im September 2009 das Erzählen lernen wollte, war schnell klar: Kurse, in denen ich lernen sollte, mit Geschichten zu lehren oder gar zu heilen, schieden aus. Ich wollte unterhalten. Punkt. Der Lehrer meiner Wahl versprach: Nach unserem Lehrgang kannst du das Telefonbuch spannend erzählen. Das wollte ich!

Dann kam der Abschlussabend der Erzählausbildung am 6. Mai 2010: Ich erzählte (m)eine Geschichte auf Basis der Ballade „Nis Randers“ von Otto Ernst und beobachtete fasziniert, dass Leute nach ihren Taschentüchern kramten. Hoppla! Meine Geschichte hatte nicht nur unterhalten – sie hatte berührt. Darauf war ich stolz. Denn wenn ich ganz ehrlich war, hatte mich eine berührende Geschichte, erzählt von Mary Alice Arthur überhaupt zum Erzählen gebracht.

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen
(Jorge Bucay)

Geschichten können nicht nicht wirken

Welche Geschichten wähle ich aus, wenn ich ein Erzählprogramm zusammenstelle? Solche, die mich berühren, die mir sagen: „Erzähl mich!“ Die Geschichten wirken auf mich, und oft sehe ich, dass sie auch auf das Publikum wirken. Menschen schmunzeln, lachen, runzeln die Stirn, wischen sich eine Träne ab. Oft erzählen sie mir später, dass eine Geschichte sie an ein Erlebnis erinnert hat, oder sie teilen eine Meinung oder gar eine Erkenntnis. Manche erzählen es mir gleich, andere kommen Jahre später auf etwas zurück, das von mir gehört haben. Manche erzählen gar nichts.

Mein Wunsch, „nur“ zu unterhalten, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Diskussion im Open Forum bei der Konferenz Beyond Storytelling (und die Wiederbegegnung mit Mary Alice) am letzten Wochenende haben es mir wieder klar vor Augen geführt:

  1. Die Geschichte „in aller Unschuld“ gibt es nicht. Sie wirkt immer
  2. Ich habe keinen Einfluss darauf, ob und wie eine Geschichte bei Zuhörerinnen und Zuhörern wirkt

Geschichten hören

Das Gleiche gilt beim Hinhören. Ob eine Kollegin auf der Bühne erzählt, ob wir im Erzählcafé über unser Leben plaudern, ob ich in einem Halbsatz erfahre, dass ein lieber Freund seinen langjährigen Begleiter in den Hundehimmel entlassen musste, oder ob mir der Kunde eines Kunden erläutert, warum seine Firma sich ausgerechnet für diese Simulationssoftware entschieden hat – jede Geschichte wirkt auf mich. Höre ich genau das, was mein Gegenüber rüberbringen wollte? Nehme ich etwas anderes oder viel mehr oder viel weniger wahr (= als wahr annehme) als das, was gesagt wird? Keine Ahnung!

Was heißt das, auch für dein Erzählen?

  1. Wenn ich eine Absicht habe (ja, das kommt vor!), muss ich mir darüber vollkommen im Klaren sein. Vor allem darf ich nicht so tun, als hätte ich keine
  2. Oft wird ein Erzählabend dann richtig spannend, wenn die Interaktion (die ja auch während der „Performance“ stattfindet) im Gespräch hörbar wird
  3. Auch wenn du kein Erzählkünstler bist, erzählst du Geschichten über deine Arbeit, deine Familie, deine Hoffnungen, deine Träume, deine Ängste. Auch diese Geschichten wirken, und es ist gut, hin und wieder nachzufragen, wie sie wirken
  4. Wenn du Geschichten hörst und spürst, dass sie bei dir etwas auslösen, lass es die Person wissen, die sie dir erzählt hat. Und freu dich auf neue Erkenntnisse
  5. Vor allem aber: Erzähle. Und hör hin.

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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 6

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Workshops

Am Freitagnachmittag und am Sonntagmorgen waren unter dem Titel „Austriešu stāstnieces Rosvitas Menkes meistarklase“ (jawoll!) zwei Workshops angesetzt, jeweils knapp anderthalb Stunden. Kleine Zusatzherausforderung: Einige Leute haben nur am Freitag teilgenommen, andere nur am Sonntag, mehr als 50 Prozent an beiden Tagen. Und natürlich sprachen die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer weder deutsch noch englisch. Aber Guntis und ich haben uns in den drei Tagen zu einem ganz guten Erzähl- und Lehrteam entwickelt.

Wegen der Sprachbarriere und der kurzen Zeit habe ich kaum Übungen eingebaut – ein bisschen „öffentliches Brainstorming“, Fragen und Antworten und Diskussionen waren leider die einzigen echten Interaktionen.

So entspann sich am Sonntag eine heiße Diskussion darüber, wie viel eigene Emotionen eine Erzählerin zeigen darf (darf man auf der Bühne weinen?) und wie „wahr“ eine Geschichte sein darf. Mit der Gegenfrage „Was ist denn eigentlich Wahrheit?“ bin ich erwartungsgemäß nicht sehr weit gekommen. Darüber hinaus waren auch das Erzählwertdreieck sowie die Auswahl und das Erarbeiten von Geschichten Themen, für die sich die Teilnehmer sehr interessierten.

Sie haben viel gelernt, sagen sie. Ich auch.


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 4

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Kinder

Am Freitagmorgen geben wir in der Bibliothek (http://www.biblioteka.valmiera.lv/lv) offiziell Bescheid, dass wir da sind. Dann brechen Guntis und ich auf zu einer Gesamtschule. Die meisten Kinder, erzählt die Direktorin stolz, machen an dieser Schule das Abitur und studieren dann. Unser Publikum in der kleinen Schulbibliothek besteht aus zwei Klassen: Die Jungen und Mädchen der 4. Klasse tragen einheitliche T-Shirts und/oder Fleecejacken mit dem Schullogo. Bis zur 5. Klasse ist die Uniform Pflicht. Die Siebtklässler sind demzufolge ebenso bunt und unterschiedlich angezogen wie bei uns. Sie lernen Deutsch als 2. Fremdsprache.

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Mit Kamishi-Bai, vielen Gesten und Guntis‘ Übersetzung  bringe ich den Kindern die Geschichten von Wind und Apfelbaum (ja, ja, bei Goldmund ist es ein Olivenbäumchen!) und vom neugierigen Mädchen (eine amerikanische Variante der Grimm’schen Frau Trude) nahe. Ohne Bilder erzähle ich noch den Zauberlehrling. Ein bisschen irritierend ist es schon, dass Guntis seine Übersetzung stets mit der Aufforderung „Applaus!“ beendet. Doch die Kommentare und Gesten der Kinder signalisieren mir, dass es ihnen gefallen hat. Ich solle wiederkommen, findet die Direktorin. Das finde ich nett.

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In der Stadtbibliothek finden an diesem Tag noch zwei Erzählveranstaltungen statt, an denen Kinder auch AUF der Bühne beteiligt sind. Einmal geht es um Geschichten aus Valmiera: In diesem Projekt werden Kinder zwischen ca. 7 und 17 aufgefordert, ihre Eltern, Großeltern, Nachbarn usw. nach Erlebnissen aus Kindheit und Jugendzeit zu befragen und diese Geschichten niederzuschreiben. Elf Kinder und Jugendliche geben ihre Geschichten an diesem Nachmittag zum Besten. Wir hören vom Großvater, der als einen Ersatz für seinen toten Hund gesucht hat und leider nicht die Gunst der Wolfswelpen im Wald gewinnen konnte, wir hören Geschichten aus der Zeit in russischen Kolchosen, wir hören, wie sich Eltern ineinander verliebt haben. Ich höre immer doppelt: Die lettischen Erzählungen von vorn, die ich nicht verstehe, und – je nach Sitznachbar – eine englische oder deutsche Simultanzusammenfassung. Leute, das ist anstrengend!

Am Nachmittag gibt es noch einen Erzählwettbewerb. Die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich bei Erzählwettbewerben ihrer Schulen durchgesetzt und kämpfen jetzt um einen Platz im nächst-höheren Wettbewerb. Jedes Kind hat fünf Minuten Zeit, um ein Märchen, eine Alltagsgeschichte und einen Witz zu erzählen. Ich verzichte aufs Übersetzen und beschränke mich aufs Lauschen und Schauen. Da wachsen Talente heran.  (https://commonstoriesofeurope.files.wordpress.com/2012/12/pakalns_storytelling_latvia_2011.pdf, Seite 3).

In beiden Projekten steckt meiner Meinung nach viel Potenzial. Es würde sich lohnen, hier ein wenig „abzugucken“ und zu schauen, ob, wie und wo sich solche Projekte auch im deutschsprachigen Raum verwirklichen lassen.

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Am Samstagvormittag erzählen drei Erzählerinnen (Inguna Radziņa, Inga Brūvere und Sanda Salmiņa) für die Kleinsten (http://www.valmiera.lv/lv/galerijas/621_ii_vidzemes_stastnieku_festivala_2diena/). Hier kommen allerlei Requisiten und Puppen zum Einsatz und die kleinen Zuhörerinnen und Zuhörer werden intensiv am Erzählgeschehen beteiligt. Beeindruckend fand ich, dass die drei Frau, die aus ganz unterschiedlichen Ecken Lettlands kommen, ein ausgeklügeltes Programm auf die Beine gestellt haben: Die Geschichten griffen ineinander, und ich musste leider gehen, bevor aus der Puppe, die sich an die Tür gehängt hatte, um sich in Ruhe verwandeln zu können, schließlich ein Schmetterling wurde. Darum habe ich auch keinen Wäscheklammerschmetterling basteln können – die Kinder schon.


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 2

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Was heißt eigentlich „immaterielles Kulturerbe“?

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Guntis Pakalns ist nicht nur Geschichtenerzähler mit einer erklärten Schwäche für Spukgeschichten (Achtung, zweimal lettisch: https://www.youtube.com/watch?v=3Bd4-Cf8xGE oder https://www.youtube.com/watch?v=azm0vHU8kmE), er beschäftigt sich als Wissenschaftler im Institut für Literatur, Folklore und Kunst an der Universität Lettlands (http://www.lfmi.lu.lv/?setl=2auch) intensiv mit dem Forschen und Sammeln von traditionellen Geschichten (http://www.lettische-presseschau.de/politik/lettland/739-2014-02-05-20-09-09).

Die Weltgeschichte hat den Lettinnen und Letten übel mitgespielt, nur selten war Lettland ein Land, eine Nation. Umso wichtiger ist es den Menschen heute, ihre Traditionen zu pflegen – Folklore ist kein nettes oder gar kitschiges Hobby, Folklore ist lebenswichtig, um die eigene Geschichte, die kulturelle Einbettung zu verstehen und fortzuführen. Dass „immaterielles Kulturerbe“ weit mehr ist als ein akademischer Begriff, sondern etwas für das Selbstverständnis der Menschen Wichtiges und Greifbares (http://www.unesco.lv/files/unesco_web_a931d609.pdf), habe ich erst in diesen Tagen verstanden.

Im Gegensatz zum mündlichen Erzählen sind in Lettland Musik, Volksgedichte und Volkslieder (die Dainas) viel wichtiger als Volkserzählungen (http://www.latvia.eu/de/culture/latvian-folksongs-dainas). Und doch: Was geschehen ist und was heute noch geschieht, muss als Teil der lettischen Kultur anerkannt und weitererzählt werden. Darum  bemühen sich Guntis Pakalns und andere Wissenschaftler, wie die Philosophin z. B. Māra Mellēna, die seit 1989 das Jugendfestival „Pulkā eimu, pulkā teku“ und im Nationalzentrum für Erziehung für den Bereich Volkskunst zuständig ist.

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Māra hat ein Netzwerk von Storytelling-Bibliotheken (http://www.stastubibliotekas.com/storytelling-libraries/) gegründet, und viele der beteiligten Bibliothekarinnen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Museen bilden den „harten Kern“ der am Festival in Valmiera Beteiligten – hinter der Bühne, auf der Bühne und im Publikum.


Ein Kommentar

Kannichnich, und …

Was Klavier- und Golfspielen gemeinsam haben? Na ja: Ich durfte die 50 (deutlich) überschreiten, um erst mit dem einen, dann mit dem anderen zu beginnen.

Klavier

Blöderweise bin ich in beiden Disziplinen alles andere als ein Naturtalent. Im Gegenteil. Und da ich nicht so viel Aufwand ins Üben stecke, wie ich vielleicht müsste, sind Fortschritte nur schwer auszumachen.

Noch vor zehn Jahren hätte ich Klavier und Golf ganz schnell in der Schublade «interessiert mich doch nicht» verstaut. Jetzt bleibe ich dran. Mehr noch: Es macht sogar Spaß! Der Dank dafür geht erst mal an meine geduldigen Lehrenden: Elisabeth, Alec, Sebastian geben mir nie das Gefühl zu versagen, weil ich nur langsam weiterkomme.

Ich muss ihnen nichts beweisen, dir, euch und Ihnen nichts und mir selbst schon gar nichts. Also genieße ich, was ich tue, und freue mich von Herzen an kleinen Dingen. Das müssen nicht einmal Erfolge sein: die morgendliche, nur vom Nieselregen unterbrochene Stille auf dem Golfplatz, die glatten Klaviertasten unter meinen Fingern.

Konzentration auf das, was ich gerade tue, und das Gedankenkarussell im Kopf steht still. Aktive Meditation. Freude statt Ehrgeiz. Spaß am Kannichnich. Vielleicht muss frau dazu wirklich erst die 50 überschreiten.