Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


Hinterlasse einen Kommentar

Montagmorgen #45: Wie fängst du an?

Wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt, die Ähnliches tun wie man selbst, entstehen manchmal interessante Fragen. So wollte der junge Radiomoderator, den ich letzten Samstag bei einer Hochzeit traf, wissen: „Wie fängst du denn deine Storys an, wenn du solche technischen Themen hast?“ … Ja, ja, wir waren nicht mehr beim Thema Hochzeit, sondern bei den PR- und Werbethemen, mit denen ich mich als Texterin befasse! …

In kürzester Zeit waren wir uns einig, dass wir beide die gleiche Technik benutzen, nämlich Storytelling. (Ach was?!?!?!) Auch wenn du ein hoch komplexes Thema behandeln musst, spricht ja gar nichts dagegen, deinen Leser*innen den Einstieg leicht zu machen. Mit zwei, drei Sätzen,

  • die zeigen, wie das Thema sich im Leben des Lesers auswirkt
  • die uns mitnehmen zu einer Erfahrung eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen
  • die eine Frage aufwerfen, über die man sich eher selten Gedanken macht

lässt du Frau Leserin und Herrn Leser sanft in deinen Artikel hineinrutschen. Das gilt übrigens auch für Vorträge und Präsentationen. Probiere es doch mal aus.


Hinterlasse einen Kommentar

Erinnerungsschnipsel

Wann immer du erzählst, präsentierst, dich vorstellst, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder (a) deine Zuhörer erinnern sich morgen noch an dich, oder (b) sie vergessen dich sofort. Wenn sie sich an dich erinnern, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder (a) denken sie freundlich über dich oder (b) ablehnend.

Wenn du ein wenig von dir preisgibst, ist die Chance auf zweimal (a) groß. Das möchtest du vermutlich. „Ein wenig von dir“ ist jedoch mehr als Name, Arbeitsgeber und Funktion. Die Menschen möchten wissen, wer du bist, was dich zu dem gemacht hat, der du heute bist, warum du hier bist und über dieses Thema sprechen willst. Du musst eine kleine Geschichte über dich erzählen.

Wie aber kommst du zu Geschichten über dich selbst? Du kannst dich ja kaum daran erinnern, was du letzte Woche Dienstag um fünf nach drei gemacht hast – wie sollst du dann Geschichten aus früheren Zeiten erzählen können?

Starte ein kleines Forschungsprojekt: Schaff dir einen Zettelkasten an oder kreiere auf deinem Rechner einen Ordner. Und dann gehst du auf die Suche. Hier sind einige Vorschläge, wie und wo du suchen kannst:

  • Anekdoten, die seit Urzeiten in der Familie erzählt werden – vielleicht gibt es auch welche über dich.
  • Schaue alltägliche Gegenstände an: eine Wanduhr, das Besteck, einen Serviettenring, den Brotkasten, die CDs (oder hast du noch Schallplatten?), eine Blumenvase, den Kaktus auf der Fensterbank. Kannst du dich erinnern, wie die Wanduhr in der Wohnung deiner Eltern ausgesehen hat? Was für Besteck hat deine Großmutter benutzt? Welche Platten haben deine Eltern gehört, welches war deine erste Platte, dein erstes Buch, dein erstes Bild?
  • Blättere in einem alten Fotoalbum. Kannst du dich an den Moment erinnern, an dem das Foto aufgenommen wurde? Gab es andere Gelegenheiten, bei denen du diesen Pullover getragen hast? Wer hat da eigentlich fotografiert und was ist passiert, nachdem der Fotograf auf den Auslöser gedrückt hat?
  • Wie war es, als du das erste Mal Fahrrad gefahren, geschwommen, vom Dreimeterbrett gesprungen, Schi gefahren bist?
  • Kannst du dich an das erste Wort erinnern, das du selbst entziffert hast? (Meins war W – E – S – T – F – A – L – E – N – P – O – S – T … sagt meine Mutter.)
  • Wenn du eine andere Stadt besuchst, überleg mal, wie es war, als du das erste Mal dorthin gekommen bist.
  • Wie war es, zum ersten Mal Muscheln zu essen?
  • Was durftest du bei Tante, Onkel, Oma, Nachbarin, was zu Hause unmöglich gewesen wäre?
  • Hat jemand etwas zu dir gesagt, das dich total überrascht, tief beglückt, schwer verletzt hat? Wie hast du reagiert, wie bist du damit umgegangen?
  • Kannst du dich an so richtig, richtig peinliche Situationen erinnern?
  • Wie habt ihr früher Weihnachten (Ostern, Geburtstage, andere religiöse oder weltliche Feste und Familienfeste) gefeiert?
  • Dazu kommen die Klassiker: Welche Menschen haben dich beeinflusst und warum? Welche Entscheidung bereust du, auf welche bist du stolz? Und so weiter.

Lass dir Zeit, aber schreib jeden Tag eine kleine Begebenheit oder eine Erinnerung auf. Wenn du einige gesammelt hast, beginnst du zu ordnen. Was sagt diese Geschichte aus? Ist sie eine Lernerfahrung? Zeigt sie, wie du dich in bestimmten Situationen damals verhalten hast und heute noch immer, oder eben gerade nicht? Könnte sie erklären, warum du heute so bist, wie du bist? Sagt sie etwas über deine innere Einstellung aus? Du kannst Kategorien anlegen – Zettel markierst du farbig, auf dem Computer legst du die Geschichten in Ordnern ab.

Wenn du das nächste Mal einen Vortrag halten oder dich vorstellen musst, kannst du schauen, welche Geschichte am besten passt, und sie bei Bedarf so ausformulieren, dass sie deine Aussage optimal unterstreicht. – Ein Beispiel?

Bild

Ein Jahr vor dem Abi reist die halbe Schulklasse nach London. Wir laufen stundenlang durch die Stadt, weil wir viel sehen und wenig für Bus und U-Bahn ausgeben wollen. Ansonsten sind wir fürchterlich erwachsen, schließlich trennen uns nur noch ein paar Monate vom Abitur. Tja – und dann der Lolli-Verkäufer! Auf einmal ist uns das Geld egal, wir werden zu kleinen Kindern mit endlos viel Zeit und endlos viel Spaß. Eine Pause, die so wichtig ist, dass sie aufs Foto muss, statt Big Ben oder den Houses of Parliament.

Und weißt du was: Ich gönne mir immer noch solche Pausen, weil sie guttun. Wie ich dabei aussehe, ist mir total egal.


Hinterlasse einen Kommentar

Ganz im Hier und Jetzt. Oder: Wo sind deine Fersen?

Feuchte Hände, weiche Knie, Kloß im Hals, Kettenkarussell im Bauch und Leere im Kopf – das sind Symptome eines ausgewachsenen Lampenfiebers. Vermutlich kannst du die Liste noch durch das eine oder andere Phänomen ergänzen.

Natürlich helfen ein wenig Lampenfieber, ein bisschen Nervosität, sich zu konzentrieren. Wenn’s im Bauch etwas kribbelt, nimmt man seinen Auftrag ernster und die Chance, Fehler zu machen, sinkt.

Wenn Lampenfieber aber den Kopf ausschaltet, muss man etwas tun. Die Techniken der Profis sind so vielfältig wie die Menschen. Eine Erzählkollegin beruhigt sich mit einem (einem!) Glas Rotwein, ein Kollege sucht den Kontakt zum Publikum, ein anderer braucht frische Luft, die nächste eine ruhige Ecke.

Fast alle schwören zusätzlich aufs Atmen: Stell dich auf beide Füße, atme bewusst aus, warte einen Moment, atme ruhig wieder ein. Verfolge deinen Atem, stell dir vor, wie er dich mit frischer Energie und frischen Gedanken füllt. Soweit die Klassiker.

Und dann gibt es noch den Tipp von der Therapeutin aus dem gestrigen Post: Wo sind eigentlich deine Fersen? – Wie bitte? Fersen? Wenn nicht gerade der Schuh drückt, ist die Ferse wohl der letzte Körperteil, der sich ins Bewusstsein drängt. Genau deshalb ist diese Übung so wirkungsvoll. Ich versuche, meine Fersen zu spüren. Fühle ich den Schuh? Ist es dort warm oder kühl? Stehe ich fest auf dem Boden?

Bild

Wer „Hier und Jetzt“ zu esoterisch findet, der merkt mit der Fersenspürübung, dass „Hier und Jetzt“ etwas sehr Hand- bzw. Fußfestes ist. Und die übrigen Symptome des Lampenfiebers reduzieren sich schlagartig auf ein er- bzw. zuträgliches Maß.

Also: Wenn du vor einer Präsentation, einem Vortrag, einem wichtigen Gespräch vor Aufregung beinahe stirbst, dann such deine Fersen. Viel Glück!