Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Wut

«Was machst du da oben im Norden eigentlich? Urlaub oder was?»

Gute Frage! Es ist mehr «oder was». In der letzten Woche habe ich (auch) Artikel für ein Kundenmagazin geschrieben, am Jahresbericht einer Gesundheitsorganisation gearbeitet, mit der Übersetzung einer Biografie begonnen. Für den Blog vermutlich nicht so besonders spannend.

Und geprobt habe ich… anders als sonst. Wenn man nämlich hinter dem Café Zollhaus links abbiegt und dann so lange fährt, bis es nicht mehr weitergeht, dann kann man anschließend über den Deich laufen. Auf der anderen Seite ist ein geteerter Weg.

Da ist dann niemand. Ein paar Möwen vielleicht und andere Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Und, wenn man dem Plakat in dem Informationsstand bei dem kleinen Parkplatz glauben darf, ganz viel Getier, das ich nicht sehen kann. Leckerbissen für all die Vögel, die hier Rast machen oder sogar brüten. Aber sonst hört niemand zu.

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Also erzähle ich dort. Dem Wind, dem Gras, dem Meer, den Möwen, vielleicht noch dem Autozug nach Sylt, der in der Ferne vorbeifährt. Ich erzähle von Wut. Wie sich Kain vom Dämon der Wut überwältigen ließ, von Rumpelstilzchen, das sich vor lauter Wut mittendurch gerissen hat, und von Prometheus, der so wütend auf Zeus war, dass er …

Kommst du hinhören? Freitag, 26. Februar, 19.00 Uhr im Herzkraftwerk, Budapester Straße 47 in St. Pauli. Sag schnell Bescheid: 0151 546 32027. Es kostet 15 Euro (bzw. 25, wenn du auch etwas essen und trinken möchtest).


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Reden ist Gold

Janas Tipp, wie ich meine Lieblingsgeschichte noch besser erzählen könnte, war gigantisch. Meine Heldin würde ein klein wenig anders gucken, ihre Stimme würde rauchig klingen, wenn sie sagt „Wanja, ich will das nochmal!“  Jede Geste, jeden Schritt sah ich vor meinem inneren Auge. Ganz genau so würde ich die Geschichte beim nächsten Mal erzählen. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.

Gold

Dann ging es los. Doch plötzlich erwartete mein Publikum von der „neuen“ Heldin etwas anderes, als ich erzählen wollte. Die Erkenntnis kam so plötzlich und überraschend, dass ich die Geschichte nicht mehr spontan umstellen konnte.

Natürlich habe ich sie irgendwie zu Ende erzählt. Es wurde auch gelacht und geklatscht. Aber anschliessend sind einige Leute zu mir kommen und haben erzählt, dass ihre Ehemänner oder Ehefrauen auf dem Heimweg die Geschichte würden erklären müssen.

Das war nicht geplant! Doch wie konnte das passieren? Bei Toastmasters sagen wir: „If you fail to prepare you prepare to fail.“ Das bedeutet in etwa: “Wenn du dich nicht vorbereitest, sei darauf vorbereitet zu scheitern.”

Tja, ich hatte mir alles vorgestellt, die Stimme, die Gesten, die Blicke. Aber ich hatte – sagen wir mal – darauf verzichtet, die Geschichte noch ein-, zwei-, dreimal laut zu erzählen. Ich kannte die  Wörter noch nicht, die nötig sind, den neuen Charakter meiner Heldin auszudrücken. Ich wusste nicht, mit welchen Redewendungen und Sätzen ich ihr neues Verhalten beschreiben kann.

Mein Erzähllehrer Norbert Kober hat die Sprache als „Muskel“ bezeichnet, der genauso trainiert werden muss wie Bauch-Beine-Po. Sprechen lernt man durch Sprechen. Ob eine Formulierung, die auf dem Papier oder in der Vorstellung toll aussieht, auch funktioniert, merkt man erst, wenn man sie laut ausspricht.

Also bitte: Scheitere zu Hause, unter der Dusche, vor dem Spiegel, vor dem Sessel, in dem dein Teddybär sitzt und dir zuhört, beim Spazierengehen. Du wirst sehen, spätestens beim dritten Mal bekommt deine Geschichte, deine Präsentation einen „Zug“: Die richtigen Wörter stellen sich immer besser zu richtigen Sätzen zusammen, deine Zunge und dein Atem wissen, wie sie die Klänge erzeugen müssen, die du brauchst. Toi-toi-toi.