Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Reden ist Gold

Janas Tipp, wie ich meine Lieblingsgeschichte noch besser erzählen könnte, war gigantisch. Meine Heldin würde ein klein wenig anders gucken, ihre Stimme würde rauchig klingen, wenn sie sagt „Wanja, ich will das nochmal!“  Jede Geste, jeden Schritt sah ich vor meinem inneren Auge. Ganz genau so würde ich die Geschichte beim nächsten Mal erzählen. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.

Gold

Dann ging es los. Doch plötzlich erwartete mein Publikum von der „neuen“ Heldin etwas anderes, als ich erzählen wollte. Die Erkenntnis kam so plötzlich und überraschend, dass ich die Geschichte nicht mehr spontan umstellen konnte.

Natürlich habe ich sie irgendwie zu Ende erzählt. Es wurde auch gelacht und geklatscht. Aber anschliessend sind einige Leute zu mir kommen und haben erzählt, dass ihre Ehemänner oder Ehefrauen auf dem Heimweg die Geschichte würden erklären müssen.

Das war nicht geplant! Doch wie konnte das passieren? Bei Toastmasters sagen wir: „If you fail to prepare you prepare to fail.“ Das bedeutet in etwa: “Wenn du dich nicht vorbereitest, sei darauf vorbereitet zu scheitern.”

Tja, ich hatte mir alles vorgestellt, die Stimme, die Gesten, die Blicke. Aber ich hatte – sagen wir mal – darauf verzichtet, die Geschichte noch ein-, zwei-, dreimal laut zu erzählen. Ich kannte die  Wörter noch nicht, die nötig sind, den neuen Charakter meiner Heldin auszudrücken. Ich wusste nicht, mit welchen Redewendungen und Sätzen ich ihr neues Verhalten beschreiben kann.

Mein Erzähllehrer Norbert Kober hat die Sprache als „Muskel“ bezeichnet, der genauso trainiert werden muss wie Bauch-Beine-Po. Sprechen lernt man durch Sprechen. Ob eine Formulierung, die auf dem Papier oder in der Vorstellung toll aussieht, auch funktioniert, merkt man erst, wenn man sie laut ausspricht.

Also bitte: Scheitere zu Hause, unter der Dusche, vor dem Spiegel, vor dem Sessel, in dem dein Teddybär sitzt und dir zuhört, beim Spazierengehen. Du wirst sehen, spätestens beim dritten Mal bekommt deine Geschichte, deine Präsentation einen „Zug“: Die richtigen Wörter stellen sich immer besser zu richtigen Sätzen zusammen, deine Zunge und dein Atem wissen, wie sie die Klänge erzeugen müssen, die du brauchst. Toi-toi-toi.


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Moderationsmagie

Wenn ich ein Erzählprogramm, einen Vortrag oder eine Moderations vorbereite, verwende ich relativ viel Zeit auf das Drumherum. Was sage ich zwischen zwei Geschichten oder zwei wesentlichen inhaltlichen Punkten und vor allen Dingen: Was sage ich VOR der ersten Geschichte?

Meine Zuhörerinnen und Zuhörer stecken doch noch in ihrem Alltag und wollen (oder sollen) hinhören, abtauchen in eine andere Welt. Ich will diesen Übergang ganz sanft gestalten und spreche erst einmal in einem leichten Gesprächston über Alltägliches …

… über die farbig gestrichenen Wände in meiner Wohnung und darüber, dass ich jeden „neuen“ Besucher stolz und glücklich durch die bunten Räume führe. Vielleicht kennen die Zuhörer das ja und haben ebenfalls viel Spass daran, anderen ihre Wohnung oder sonst eine Neuerwerbung zu zeigen. Das ist ja nicht neu. Vor zweitausendfünfhundert Jahren hat man das schon gemacht. Da lebte auf der Insel Samos, im östlichen Mittelmeer …

Schwupps, sind wir mitten in der Geschichte von Polykrates. Während ich diese Sätze sage, passiert etwas Merkwürdiges. Am Anfang flackern die Augen meiner Zuhörer, die Gesichter sind lebendig, es scheint, sie erinnern sich lebhaft an all die Situationen, in denen sie selbst anderen etwas gezeigt haben, stolz waren. Beim „Das ist ja nicht neu“ merken sie kurz auf, und von da an scheinen die Augen nach innen zu wandern. Denn dort, irgendwo auf einer im Innern des Kopfes angebrachten Leinwand, da läuft jetzt ein Film.

Jede Zuhörerin, jeder Zuhörer hat eigene Bilder, und wenn alles klappt, dann bleiben sie bis zum Schluss in ihrem Film. Dabei sehen sie natürlich meine Handbewegungen, verfolgen meine Schritte, hören meine Stimme. Sie verstehen ein Wortspiel oder einen Witz, sie erschrecken, wenn ich mit dem Fuß aufstampfe, sie spüren, wenn ich ihnen in die Augen schaue.

Umkehrt klinke ich mich in die Stimmung meines Publikums ein und erspüre, ob sie mehr Aktion, mehr Gefühl, mehr Beschreibungen hätten. So kann ich meine Geschichte anpassen.

Diese Magie funktioniert auch im Alltag: Du sprichst mit deinen Mitarbeitern oder Kunden, mit deinen Kindern oder der Nachbarin und plötzlich merkst du, dass jetzt eine Geschichte „dran“ ist. Dann such einen Einstiegspunkt in die Geschichte, der möglichst nahe bei dem liegt, worüber ihr gerade sprecht. Hol dein Gegenüber bei seinen augenblicklichen Gedanken ab und begleite die Menschen sanft in deine Geschichte hinein. Während du erzählst, geh auf die feinen Reaktionen ein – so gestaltest du die Geschichte zusammen mit deinen Zuhörern, und sie wirkt und wirkt und wirkt.