Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Liebe Meike Winnemuth,

eigentlich müsste dieser Beitrag mit «Liebe Susanne» überschrieben sein, denn die hat mir Ihr Buch «Das große LOS» nicht nur ans Herz, sondern auch auf den Tisch gelegt: «Die Frau hat ein ganzes Jahr lang jeden Monat in einer anderen Stadt gelebt. Das könnte dir gefallen.»

Ich wollte das gar nicht lesen, Meike, echt nicht. Mich würde ja doch nur der Neid packen, und ich würde wieder an all das erinnert, was mir nicht gelingt, gelungen ist, gelingen wird. Bei Jauch habe ich mich schon x-mal vergeblich als Kandidatin beworben; Selbstversuche scheitern nach drei Stunden, drei Tagen, zweieinhalb Monaten (das war die 5-2-Diät, ausgesprochen wirksam!). Solches Scheitern per Blog oder gar Buch in die Welt hinauszuschreiben, würde a) an meiner Bequemlichkeit und b) an der festen Überzeugung scheitern, dass das sowieso niemand lesen will. In dieser Reihenfolge, bitte!

Na ja, ich hab also das Buch genommen, in die Einkaufstasche gesteckt und diese in der S-Bahn liegen lassen. Nicht mit Absicht, bestimmt nicht, schließlich war das Buch geliehen. Nach exakt einem Monat meldete die Bahn, dass Tasche und Buch wider Erwarten aufgetaucht seien. Anlass für einen erfreuten Post auf Facebook. Dann der Kommentar von Steffie: «Und das inspirierende „Grosse Los“ Buch :). Ich finde nämlich schon lange, dass du was von ihr hast.»

War das etwa ein Kompliment? Ich mache mich mal ans Lesen. Mehr als einen Monat am Stück schaffe ich selten. Es gibt immer so viel zu lachen, zu weinen, zu denken. Und: Nein, ich bin überhaupt nicht neidisch. Der Schlüssel zum anderen Leben klimpert ja andauernd in meiner Kleider-, Hosen-, Rock-, Jackentasche und ich benutze ihn immer wieder. «Try. Fail. Try again. Fail better.» Beckett lässt grüßen.

Sie haben mir also, liebe Meike, einmal mehr klar gemacht, wie wertvoll, freudvoll, lebendig mein Leben ist. Dafür sage ich Ihnen und natürlich auch Susanne ein herzliches, also so ein richtig voll von Herzen kommendes Dankeschön.

Und wenn ich nach London komme, kaufe ich mir einen Morgenmantel. Wo gibt’s die schönsten?

Ihre Roswitha


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Reden ist Gold

Janas Tipp, wie ich meine Lieblingsgeschichte noch besser erzählen könnte, war gigantisch. Meine Heldin würde ein klein wenig anders gucken, ihre Stimme würde rauchig klingen, wenn sie sagt „Wanja, ich will das nochmal!“  Jede Geste, jeden Schritt sah ich vor meinem inneren Auge. Ganz genau so würde ich die Geschichte beim nächsten Mal erzählen. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.

Gold

Dann ging es los. Doch plötzlich erwartete mein Publikum von der „neuen“ Heldin etwas anderes, als ich erzählen wollte. Die Erkenntnis kam so plötzlich und überraschend, dass ich die Geschichte nicht mehr spontan umstellen konnte.

Natürlich habe ich sie irgendwie zu Ende erzählt. Es wurde auch gelacht und geklatscht. Aber anschliessend sind einige Leute zu mir kommen und haben erzählt, dass ihre Ehemänner oder Ehefrauen auf dem Heimweg die Geschichte würden erklären müssen.

Das war nicht geplant! Doch wie konnte das passieren? Bei Toastmasters sagen wir: „If you fail to prepare you prepare to fail.“ Das bedeutet in etwa: “Wenn du dich nicht vorbereitest, sei darauf vorbereitet zu scheitern.”

Tja, ich hatte mir alles vorgestellt, die Stimme, die Gesten, die Blicke. Aber ich hatte – sagen wir mal – darauf verzichtet, die Geschichte noch ein-, zwei-, dreimal laut zu erzählen. Ich kannte die  Wörter noch nicht, die nötig sind, den neuen Charakter meiner Heldin auszudrücken. Ich wusste nicht, mit welchen Redewendungen und Sätzen ich ihr neues Verhalten beschreiben kann.

Mein Erzähllehrer Norbert Kober hat die Sprache als „Muskel“ bezeichnet, der genauso trainiert werden muss wie Bauch-Beine-Po. Sprechen lernt man durch Sprechen. Ob eine Formulierung, die auf dem Papier oder in der Vorstellung toll aussieht, auch funktioniert, merkt man erst, wenn man sie laut ausspricht.

Also bitte: Scheitere zu Hause, unter der Dusche, vor dem Spiegel, vor dem Sessel, in dem dein Teddybär sitzt und dir zuhört, beim Spazierengehen. Du wirst sehen, spätestens beim dritten Mal bekommt deine Geschichte, deine Präsentation einen „Zug“: Die richtigen Wörter stellen sich immer besser zu richtigen Sätzen zusammen, deine Zunge und dein Atem wissen, wie sie die Klänge erzeugen müssen, die du brauchst. Toi-toi-toi.