Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Mehrweltengefühl

Dass ich DAS alles aus einem Fenster sehe, hätte ich nie gedacht. Vor meinen Knien ein echter, warmer Heizkörper. In meinen Kniekehlen die kleine Sitzbank, auf der sich – sicherlich un-ergonomisch, aber wahnsinnig bequem – dieser Blogbeitrag schreiben lässt. Dahinter das Bett mit den zwei Matratzen, wo ich letzte Nacht scheinbar traumlos geschlafen habe. Und die Welten da draußen …

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Im Garten ein einzelner hoher, natürlich laubloser Baum, der sich schon in der Erde in fünf einzelne Stämme aufgespalten hat, die jetzt wie die Finger einer Hand in den Himmel ragen. Dahinter die Promenade, auf der unbeeindruckt ein paar Hunde spazieren gehend spielen. Der rote, frisch gestrichene, blitzblanke Leuchtturm, den man auf ein Betonpodest gestellt hat, damit er besser sichtbar ist, der Steg zum Schiff, von dem es gestern Abend nach Altöl, sorry, nach vorgestrigem Frittierfett gerochen hat. Rechts davon ein paar Segelschiffe. Wer da drauf will, braucht ein Ruderboot.

Spaziergänger, Radfahrer, Hundebesitzer, Ausflugsschifffahrtsfahrkartenknipser, Zumsegelbootruderer … lauter Menschen im Schein einer Nochwintersonne, die sich gegen das frühe Untergehen zur Wehr zu setzen scheint. Postkartenidyll vor Elbekulisse.

Auf dem Fluss herrscht geradezu Ruhe. Heute Morgen waren viel mehr Schiffe unterwegs.

Und auf der anderen Seite das Kontrastprogramm: Gerade gehen die ersten Lichter an. Es wird nicht mehr lange dauern, dann ist der Containerhafen wieder hier im Zimmer. Meine Laienaugen können gar nicht unterscheiden, was sie dort alles sehen. Viel Blau, viel Rot, viel Orange. Wo hören die Schiffe auf? Wo fangen die Container an? Wo bringen die Stapler, die dort wie riesige Insekten umherhuschen, die Container hin? Welche Krane sind fest montiert? Welche fahren auf Schiffen durch die Gegend? Weiß überhaupt ein Mensch, welches Schiff gerade wo liegt, welche Waren sich in welchem Container befinden? Haben die Container Nummern? Barcodes? Chipkarten?

Die Welt auf der anderen Flussseite scheint so mechanisch, dass sich nicht mal die Möwen dahinüber trauen. Ein dumpfes Brummen dringt sogar durch die geschlossenen Scheiben. Da drüben gehen Dinge vor, die ich nicht begreife. Aber vielleicht habe ich nur wegen dieser Dinge da drüben dieses kleine weiße Kabel, das mein Mobiltelefon mit dem Computer verbindet. Es war sicher mal in einem dieser Container, und ich kann jetzt einem der Staplerfahrer dankbar sein, dass er damals den Container an die richtige Stelle gebracht hat. Vielleicht morgens früh um 2.18 Uhr.

Denn eins ist klar: Der Wind schläft zwischendurch mal ein und wird die Fahne am Schiffsmast erschlaffen und ausruhen lassen. Die da drüben am anderen Ufer, die schlafen nie.