Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Montagmorgen #62: Leidenschaften und Webseiten

Alle paar Jahre taucht die Frage wieder auf, ob ich nicht unglaubwürdig sei, wenn ich mich auf derselben Webseite als Texterin und Storytelling-Spezialistin für technische Produkte, komplexe Produktionstechniken und erklärungsbedürftige Dienstleistungen einerseits und als Erzählerin und Rednerin andererseits präsentiere. Gestern Abend war es wieder mal soweit. Die Folge: eine fast schlaflose Nacht. Wie ich mich entschieden habe und warum gerade so, erzähle ich dir hier.
Ich freue mich, wenn du mir erzählst, wie du mögliche „unterschiedliche Identitäten“ unter einen Hut bringst.


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Montagmorgen #57: Leidenschaft

Als hochdeutsch sprechende Erzählerin werde ich in der Schweiz anscheinend gern zur Sprachautorität. Am Wochenende wollte jemand wissen, was denn „Leidenschaft“ mit Leiden zu tun hätte. Meine Recherchen waren sicher nicht umfassend. Interessant fand ich jedoch diese Erläuterung zu deutschen Sprache im Allgemeinen.

Und hier noch die Erinnerung an das Seminar „Biografisches Erzählen“ am 5. und 6. Oktober in Hamburg. Es gibt noch einige Plätze. Informationen findest du auf meiner Webseite.

 


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Pssst – und du bekommst, was du willst

Jean Giraudoux«Wer seinen Willen durchsetzen will, muss leise sprechen.»
(Jean Giraudoux, frz. Schriftsteller, *1882, +1944)

Vor langer, langer Zeit habe ich versucht, Klarinette zu spielen. Mein Lehrer liebte leidenschaftlich die schönen Töne. Nicht nur treffen sollte ich den Ton, und zur rechten Zeit die Finger bewegen, um zum nächsten zu wechseln. Nein, vom ersten Moment, da ich versuchte, die Lippen so zu spannen, dass das Instrument einen Laut von sich gab, sollte der Ton auch schön klingen. Nicht die Melodie war wichtig, sondern das bewusste An- und Abschwellen des Tons. Das Forte durfte nicht kieksen, das Pianissimo nicht brummen. Ein ganz, ganz leiser Ton sollte so rein und leicht sein, dass er dennoch bis ans Ende eines großen Saals würde fliegen können. Gut, dass des Lehrers Stübchen klein war – da hatten meine leisen Töne nur einen kurzen Weg!

Seit ich Geschichten erzähle, erinnere ich mich oft an diese Übungen. Jetzt ist meine Stimme mein Instrument, und ich spüre an meinen Zuhörerinnen und Zuhörern, ob und wie die Töne bei ihnen ankommen. Ich habe auch heute wieder einen Lehrer, und der ist genau wie der Klarinettenlehrer in schöne Töne verliebt. Kann man «leise» lernen? Probier es aus:

  • Ich stelle mir vor, dass mein ganzes Ich ein durchlässiger Resonanzkörper ist. Die Stimme kommt nicht nur aus der Kehle oder der Brust, sondern quasi aus dem kleinen Zeh
  • Ich stelle mir vor allem vor, dass meine Kehle ganz offen ist. Leise Sprechen ist nämlich nicht Flüstern (und Flüstern ist verd… anstrengend; tu dir das nicht an)
  • Ich schaue meinen Tönen nach und spreche erst weiter, wenn sie in der letzten Reihe angekommen sind

Und was bringt’s? Tatsächlich mögen Menschen leise Töne. Augen öffnen sich weiter, Köpfe schieben sich vor, Hände spannen sich an. Meine leisen Sätze dringen in die Ohren und in die Herzen, und wenn ich wieder auf normale Lautstärke wechsle, scheint es, als entspannten sich meine Zuhörer, als hätten sie gerade einen Schluck guten Rotweins gekostet.

Ich bin sicher, dass Herr Giraudoux Recht hat: Wenn du deinen Willen durchsetzen willst, sprich leise.