Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Einladung zum Lauschen

Drei (oder mehr) Berufe zu haben, ist toll. Mein Leben ist ein Tanz zwischen Technik und Mythen, zwischen Klausur am Schreibtisch und persönlichen, intensiven Kontakten, zwischen Organisieren und mich-Einlassen.

Klar, bringt mich das manchmal ins Schwitzen. Das ist auch gut so.

Im Augenblick tanze ich gerade mit der Kunst und freue mich, mein Märchenprogramm Russenkuss zu präsentieren. Ein Stückchen davon habe ich schon meiner Webcam erzählt. Guck mal …

Wenn du alles hören willst, dann komm am

22. Juni um 20 Uhr
ins Chapeau St. Georg, Lange Reihe 94, Hamburg

Deinen Platz reservierst du am besten per E-Mail, SMS oder Anruf (0172 211 94 82)

Bis bald!!!


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Unschuldige Geschichten?

Als ich im September 2009 das Erzählen lernen wollte, war schnell klar: Kurse, in denen ich lernen sollte, mit Geschichten zu lehren oder gar zu heilen, schieden aus. Ich wollte unterhalten. Punkt. Der Lehrer meiner Wahl versprach: Nach unserem Lehrgang kannst du das Telefonbuch spannend erzählen. Das wollte ich!

Dann kam der Abschlussabend der Erzählausbildung am 6. Mai 2010: Ich erzählte (m)eine Geschichte auf Basis der Ballade „Nis Randers“ von Otto Ernst und beobachtete fasziniert, dass Leute nach ihren Taschentüchern kramten. Hoppla! Meine Geschichte hatte nicht nur unterhalten – sie hatte berührt. Darauf war ich stolz. Denn wenn ich ganz ehrlich war, hatte mich eine berührende Geschichte, erzählt von Mary Alice Arthur überhaupt zum Erzählen gebracht.

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen
(Jorge Bucay)

Geschichten können nicht nicht wirken

Welche Geschichten wähle ich aus, wenn ich ein Erzählprogramm zusammenstelle? Solche, die mich berühren, die mir sagen: „Erzähl mich!“ Die Geschichten wirken auf mich, und oft sehe ich, dass sie auch auf das Publikum wirken. Menschen schmunzeln, lachen, runzeln die Stirn, wischen sich eine Träne ab. Oft erzählen sie mir später, dass eine Geschichte sie an ein Erlebnis erinnert hat, oder sie teilen eine Meinung oder gar eine Erkenntnis. Manche erzählen es mir gleich, andere kommen Jahre später auf etwas zurück, das von mir gehört haben. Manche erzählen gar nichts.

Mein Wunsch, „nur“ zu unterhalten, ist nicht in Erfüllung gegangen. Die Diskussion im Open Forum bei der Konferenz Beyond Storytelling (und die Wiederbegegnung mit Mary Alice) am letzten Wochenende haben es mir wieder klar vor Augen geführt:

  1. Die Geschichte „in aller Unschuld“ gibt es nicht. Sie wirkt immer
  2. Ich habe keinen Einfluss darauf, ob und wie eine Geschichte bei Zuhörerinnen und Zuhörern wirkt

Geschichten hören

Das Gleiche gilt beim Hinhören. Ob eine Kollegin auf der Bühne erzählt, ob wir im Erzählcafé über unser Leben plaudern, ob ich in einem Halbsatz erfahre, dass ein lieber Freund seinen langjährigen Begleiter in den Hundehimmel entlassen musste, oder ob mir der Kunde eines Kunden erläutert, warum seine Firma sich ausgerechnet für diese Simulationssoftware entschieden hat – jede Geschichte wirkt auf mich. Höre ich genau das, was mein Gegenüber rüberbringen wollte? Nehme ich etwas anderes oder viel mehr oder viel weniger wahr (= als wahr annehme) als das, was gesagt wird? Keine Ahnung!

Was heißt das, auch für dein Erzählen?

  1. Wenn ich eine Absicht habe (ja, das kommt vor!), muss ich mir darüber vollkommen im Klaren sein. Vor allem darf ich nicht so tun, als hätte ich keine
  2. Oft wird ein Erzählabend dann richtig spannend, wenn die Interaktion (die ja auch während der „Performance“ stattfindet) im Gespräch hörbar wird
  3. Auch wenn du kein Erzählkünstler bist, erzählst du Geschichten über deine Arbeit, deine Familie, deine Hoffnungen, deine Träume, deine Ängste. Auch diese Geschichten wirken, und es ist gut, hin und wieder nachzufragen, wie sie wirken
  4. Wenn du Geschichten hörst und spürst, dass sie bei dir etwas auslösen, lass es die Person wissen, die sie dir erzählt hat. Und freu dich auf neue Erkenntnisse
  5. Vor allem aber: Erzähle. Und hör hin.

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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Schluss

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Wieder daheim

Natürlich hatte ich ganz viel Toblerone und Schweizer Wein für meine Gastgeber mitgenommen. Und doch war meine Tasche auf der Rückreise schwerer als vorher. Auf meinem Esstisch türmen sich Geschenke: lettische Süßigkeiten, Bücher, Kühlschrankmagnete mit lettischen Ornamenten, Pulswärmer, Sanddorngelee und Sirup, eine Kette aus Silber und Bernstein.

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Wunderschöne Dinge, und doch sind sie nur ein kleiner Teil dessen, was ich mitgebracht habe. Von der Freundlichkeit und der Offenheit der Menschen, von den Erinnerungen, von den Geschichten werde ich noch lange, lange zehren.


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 9

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Drumherum

Es sei sicher, hatte Guntis ein paar Tage vor meiner Abreise geschrieben, dass ich freundschaftlich aufgenommen würde. Das darf man getrost als Untertreibung bezeichnen! Wer immer ein paar Worte Deutsch konnte, kramte sie heraus. Bei jeder Veranstaltung hatte ich jemanden zur Seite, der/die für mich übersetzte. Und wenn mein Gehirn (inkl. Gesichtsausdruck) sich ob all der akustischen, optischen, olfaktorischen Eindrücke mal abstellte, dann erntete ich ein verständnisvolles Lächeln und hatte Ruhe. Es kam mir schon nach wenigen Stunden so vor, als würde ich einfach dazu gehören.

Das mag auch daran liegen, dass die Gruppe darauf achtete, gemeinsam Schönes zu erleben. So wurden wir am Freitagabend von einigen Studentinnen der Tourismusfakultät in Empfang genommen und zu einem magischen Spaziergang eingeladen. Bitte keine Handtaschen, Regenschirme und hohen Absätze, hieß es. Dann bekam jeder eine Kastanie als Glücksbringer für die Manteltasche und einen weißen Stoffstreifen, um die Augen zu verbinden. Wir hörten eine Liebestragödie, die sich genau an diesem Ort in Valmiera zugetragen haben sollte. Dann erklangen näher und entfernter Flötentöne, und circa 15 Menschen mit verbundenen Augen setzten sich, geführt von den Studentinnen, Hand in Hand in Bewegung. Unter den Füßen nasses Gras, Kies, Teer, Kopfsteinpflaster, Holzboden. Eine Treppe rauf. Noch eine. Als wir die Augenbinden wieder abnehmen durften, standen wir auf einer kleinen Holzplattform. Kerzen brannten. Wir hörten das Ende der Geschichte. Ob der Regen gestört hat? Ob es kalt war? – Nö.

Am Samstag gab es zwei Stationen auf dem Weg von Valmiera zum Oleru-Hof: Zunächst besuchten wir das Grab von Jēkabs Māsēns, der die Werke bedeutender Dichter wie Homer, Dante und Goethe ins Lettische übersetzt hat. Gleich nebendran ist der See Burtnieks, auf dessen Grund der Sage nach das Schloss der Weisheit steht. Zum Glück war es zu kalt um zu tauchen.

Danach haben wir auf einem Bauernhof (http://www.adzelviesi.lv/) etwas über Hanfanbau und -verarbeitung erfahren. Und, ja, wir haben auch Hanfprodukte gekostet … ohne THC :).


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 8

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Vernetzt

Am Freitagmittag wurde das Festival offiziell eröffnet. Hier zeigte sich, dass die Veranstaltung einen Stellenwert hat, dem die Besucherzahlen leider nicht gerecht wurden. Es gab nicht nur Ansprachen der  Damen, die für den künstlerischen und administrativen Ablauf des Festivals zuständig sind. Auch die Direktorin der Bibliothek, der Bürgermeister und die Kommunikationsverantwortliche der lettischen Nationalkommission der UNESCO präsentierten sich mit Grußworten und Glückwünschen.


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 7

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Das Festival

Ich kenne bei Weitem nicht alle Erzählfestivals im deutschsprachigen Raum. Und doch bin ich sicher, dass das Festival in Valmiera sich sehr von den Erzählfestivals in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterscheidet.

Das Festival ist in erster Linie eine Ausbildungs- und Übungsgelegenheit für die Bibliothekarinnen des Bibliotheken-Netzwerks und für Absolventinnen und Absolventen der Erzählkurse von Guntis und Māra (https://www.youtube.com/results?search_query=vidzemes+st%C4%81stnieku+skola und https://www.youtube.com/watch?v=6_70MBrAVLs). Ein ganzer Tross – hauptsächlich Frauen – war  unterwegs. Einige haben zu verschiedenen Gelegenheiten erzählt, andere haben nur zugehört bzw. bei den informellen Anlässen Geschichten zum Besten gegeben.

Die Veranstaltungen wurden moderiert, und die jeweilige Moderatorin sowie die Festivalleiterin wussten jederzeit, was wann zu geschehen hatte. Gleichzeitig war viel Raum für Spontanität und Improvisation. Das wurde zwar manchmal mit einer hochgezogenen Augenbraue quittiert, führte aber, soweit ich gesehen habe, nie zu Auseinandersetzungen. Ich vermute, in der Schweiz wäre diese Einstellung eine kleine Katastrophe J.

Vor allem die Veranstaltungen mit den Kindern waren ausgezeichnet vorbereitet. Die Kinder fanden einen Erzählraum vor, in dem sie ihr Können präsentieren durften. Der Raum war gleichzeitig offen und geschützt. Ich glaube, jedes Kind hat hier eine Menge lernen können.

Alle öffentlichen Veranstaltungen waren für das Publikum gratis. Dass das Auswirkungen auf die Gagen hatte (es gab keine!), ist logisch. Dennoch, und das ist für mich ebenso wie für die Veranstalter ein dicker Wermutstropfen: Es gab außer den „üblichen Verdächtigen“ nur wenig Publikum. Der Lichtblick: Das Festival fand zum zweiten Mal statt, und die Besucherzahlen sind gestiegen. Ebenfalls stark ist das Interesse der Presse: Es war bei jeder Veranstaltung mindestens eine Journalistin anwesend, und auch das Lokalfernsehen berichtete über das Festival.

Ende April 2017 findet in Kuldīga das bereits elfte Fischsuppen-Festival als Teil des Stadtfests „Fische fliegen in Kuldīga” statt (https://www.youtube.com/watch?v=9oqlBw2SfIs). Dass aus den Erfahrungen von Valmiera aktiv gelernt wird, ist gar keine Frage.


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 6

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Workshops

Am Freitagnachmittag und am Sonntagmorgen waren unter dem Titel „Austriešu stāstnieces Rosvitas Menkes meistarklase“ (jawoll!) zwei Workshops angesetzt, jeweils knapp anderthalb Stunden. Kleine Zusatzherausforderung: Einige Leute haben nur am Freitag teilgenommen, andere nur am Sonntag, mehr als 50 Prozent an beiden Tagen. Und natürlich sprachen die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer weder deutsch noch englisch. Aber Guntis und ich haben uns in den drei Tagen zu einem ganz guten Erzähl- und Lehrteam entwickelt.

Wegen der Sprachbarriere und der kurzen Zeit habe ich kaum Übungen eingebaut – ein bisschen „öffentliches Brainstorming“, Fragen und Antworten und Diskussionen waren leider die einzigen echten Interaktionen.

So entspann sich am Sonntag eine heiße Diskussion darüber, wie viel eigene Emotionen eine Erzählerin zeigen darf (darf man auf der Bühne weinen?) und wie „wahr“ eine Geschichte sein darf. Mit der Gegenfrage „Was ist denn eigentlich Wahrheit?“ bin ich erwartungsgemäß nicht sehr weit gekommen. Darüber hinaus waren auch das Erzählwertdreieck sowie die Auswahl und das Erarbeiten von Geschichten Themen, für die sich die Teilnehmer sehr interessierten.

Sie haben viel gelernt, sagen sie. Ich auch.