Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Nicht Berg. Nicht Tal.

Es scheint, als seien die Winterstürme vorbei. Ich höre beim Aufwachen nicht mehr, wie das Wetter ist. Dafür kann ich es sehen, denn vor meinem Fenster sind grüne Plissee Rollos gespannt, durch die ich wahlweise das Licht von oben, von unten, von oben und unten und gar nicht reinlassen kann. Ich habe mich für die Variante «von oben» entschieden und sehe deshalb den Morgenhimmel. Heute nur leicht bewölkt, darüber frühlingsblau.

Zeit, endlich mal runterzukommen. Waltraud hat Meditation empfohlen. Gute Idee. Aber bitte nicht still sitzend.

Ich gehe . Links der Deich, dahinter Windräder. Weit, weit vor mir winzig klein der Hindenburgdamm, über den der Autozug wie ein Tausendfüßler dahinkriecht. Rechts das Watt. Vogelreich. Norden ist, wenn man mittwochs sieht, wer sonntags zu Besuch kommt.

Wie lange ich laufe, könnte ich an der Zahl der Tausendfüßler weit vor mir auf dem Damm errechnen. Die Windräder strecken nur noch die Spitzen der Rotorblätter über den Deich. Seit mehr als einer Stunde bin ich unterwegs. Links der Deich, rechts das Watt. Vogelreich. Ich drehe mich um, schaue zurück: rechts der Deich, links das Watt. Vogelreich.

Gehen, gehen, gehen. Die Landschaft ändert sich nur ganz behutsam. Wie wäre sie wohl ohne Windräder, ohne den Damm nach Sylt?

Ich denke an Wanderungen im Berner Oberland, im Wallis, an den Sonntagsspaziergang auf den Berner Hausberg, den Gurten. Da gehst du keine fünf Minuten, und schon sieht die Welt anders aus: Ein Tal eröffnet neue Ein-, eine Anhöhe neue Ausblicke. Geradezu hektisch!

Der Weg führt den Deich hinauf. Koog. Vogelreicher. Flach. Wenn man den Windrädern den Rücken zudreht, weit. Sehr weit. Man könnte mittwochs sehen, wer sonntags zu Besuch kommt. Ich atme durch.

Wo kein Berg ist und kein Tal, kommt man gut runter.


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Aua ;)

Steffi von gegenüber hat mir ihre Monatskarte geliehen. Toll, die Dinger sind übertragbar und man kann sie ganz legal teilen. Aber auf die Idee muss man erstmal kommen, der neuen, temporären Nachbarin so ein Angebot zu machen. Ich bin jedenfalls sehr dankbar und froh, dass die Karte in meiner Tasche steckt, denn möglicherweise ist es ziemlich kompliziert, eine Fahrkarte zu lösen. Im Nebel stoße ich auf dem Bahnsteig auf einen Fahrkartenautomaten:

20160219_090457  Ein wichtiger Hinweis!

Mein Blick wandert nach Süden, da bewegt sich etwas Graues in der Luft auf der anderen Seite der Gleise. Nach zweimal Hinschauen erkenne ich, dass dort ein Windrad steht, dessen Rotorblätter nur dann durchs Nebelweiß blinzeln, wenn sie nach unten zeigen.

O je. Wäre ich nicht um 10 Uhr mit Linde verabredet, stände ich jetzt nicht hier. Aber Micaela hat gesagt, wenn du schon auf Sylt bist, dann solltest du dich auch mit Linde verabreden. Doch, doch, ihr habt bestimmt genug Gesprächsstoff. Also hab ich geschrieben und mich einladen lassen. 10 Uhr in Westerland, in einem Wohnviertel nördlich vom Bahnhof.

In Klanxbüll muss ein Engel eingestiegen sein, anders ist es nicht möglich. Man sieht gerade ein paar Sträucher und Bäume am Ende des Damms, da guckt schon die Sonne raus. Über Westerland lacht der Himmel. Eben, so als sei ein Engel unterwegs.

Wir sprechen über Märchen. Wir sprechen übers Erzählen. Die schmale Dame mit den fast weißen Haaren und den lebendigen Augen wirkt, als sei sie selbst einem Märchen entstiegen. Eine Frau, die der suchenden Heldin den Weg weist, ihr einen magischen Gegenstand in die Hand drückt, ihr sagt, dass alles gut wird. Anderthalb Stunden vergehen wie im Flug, meine Tasche ist danach schwerer: Die Önereersken von Sylt stecken – mit einer liebevollen Widmung versehen – drin und als Dreingabe das Praxisbuch Märchen. In meinem Kopf drehen sich die Gedanken, während ich zum Bahnhof zurücklaufe und beim Herrn Leksus, er kommt aus Polen, erfahre ich später, ein gelbes Fahrrad miete. Gemütlich sieht es es aus mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker.

Dieses Mal fahre ich Richtung Norden, lasse Häuser links und rechts liegen, für die mir nur das Adjektiv schmuck einfällt. Lasse mir am Empfang vom Campingplatz sagen, dass ich hier selbstverständlich nicht weiterkönne, dazu habe man an der Einfahrt schließlich eine Schranke angebracht. Und dann radle ich durch die Dünen, die Dünen, die Dünen. Zwischendurch geht’s angenehm bergab, ein leichter Rückenwind schiebt mich an. Warum sollte ich die rund 20 Kilometer bis zum Ellenbogen nicht schaffen?

Es scheint, als habe das Radfahren meine verstopfte Nase freigepustet. Zum ersten Mal rieche ich Seeluft. Am liebsten würde ich mich in den Sand legen und mich zuwehen lassen. Aber der Sand ist feucht und kühl und ich bin ja so vernünftig.

Für den Hinweg habe ich anderthalb Stunden gebraucht. Wenn der Rückweg genauso schnell geht, bin ich in Westerland, bevor der Herr Leksus seinen Laden wieder aufmacht. Das wäre blöd. Petrus in seiner himmlischen Wetterstation muss das gehört und verständnisvoll genickt haben. Er lässt die Sonne am Himmel stehen und schickt nur ein bisschen Wind. Keinen Rückenwind, wohlgemerkt. Auf dem gemütlichen gelben Rad mit dem niedrigen Sattel und dem hohen Lenker sitzt frau voll IM Wind. Und was ich auf dem Hinweg als „angenehm bergab“ empfunden habe, zeigt mir jetzt, wie lange ich tatsächlich nicht mehr Fahrrad gefahren bin. Au Mann, aua!

Das Pärchen, mit dem ich am Strand ein paar Worte gewechselt hatte, überholt mich mit Schwung. Mein Atem reicht für: „Sie sind aber fit!“ Die Antwort ist tröstlich und gut fürs Selbstbewusstsein: „Wir haben ja auch einen Motor.“

Wo gibt’s in Kampen den besten Kaffee? Jemand, der wie ein Einheimischer aussieht, schickt mich zur Kupferkanne: „Da kann man toll draußen sitzen, und die ham groooße S-tücken Kuchen.“ Genau das brauche ich jetzt.

Und Petrus? Der findet meine Pause anscheinend völlig unangemessen und schiebt mal schnell eine Wolke vor die Sonne. Freundlicherweise wartet er mit dem ersten Regenschauersprühstoß, bis ich meinen Kuchen – Pflaumenkuchen mit Sahne, mhm! – fast aufgegessen habe. Kaum sitze ich, gut verpackt in der zweiten Jacke, die den ganzen Tag über in der Tasche geblieben war, Schal, Mütze und Handschuhen wieder auf meinem gelben Stahlross mit dem unglaublich harten schwarzen Sattel, schiebt Petrus die Wolke wieder weg. Als ich in Westerland beim Herrn Leksus vom Rad taumele, bin ich ein bisschen verschwitzt.

Gemächlich schlendere ich zum Bahnhof. Der Zug nach Klanxbüll fährt in acht Minuten. Ich versuche, mich aufs Märchenbuch zu konzentrieren. Keine Chance. Nicht schlimm, der Tag war märchenhaft genug.