Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


Hinterlasse einen Kommentar

Stehvermögen – Gehvermögen

Er war 18 und fuhr einen hellblauen Käfer. Ich war 14 und schwer beeindruckt. Eines Tages sagte er zu mir: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“ Ich wusste nicht, wie er darauf gekommen war, aber der Satz blieb. Eine unumstößliche Wahrheit in meinem Leben.

Dann kamen sie, diese Situationen, die ich vor dem offiziellen Ende beendete: Beziehungen (wenn es für die überhaupt ein ‚offizielles Ende‘ gibt), das Studium, das Flöten- und das Klarinettenspiel … Und jedes Mal wusste ich mit schlechtem Gewissen: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“

ACG-Zertifikat.jpg

Gestern dann im Toastmasters Club Bern: Ein Vorstandsmitglied erzählt von den über 40 Reden, die ich in den letzten sieben Jahren gehalten habe, von den Mitgliedern, deren Mentorin ich war, von meiner Arbeit als Präsidentin, von Workshops, die ich geleitet habe. Sie überreicht mir die Urkunde, die Anstecknadel und ein Geschenk des Vorstands. Ein Vorbild sei ich. Vor allem hinsichtlich – Achtung! – Stehvermögen.

Ich war erfreut, gerührt, stolz. Und ich frage mich: Wie ist das jetzt mit meinem Stehvermögen? Hab ich’s oder hab ich’s nicht?

Der Blick zurück zeigt, was vermutlich jeder erwartet hat: Bei vielem war ich bis zum offiziellen Ende dabei, Schule, Ausbildung, Lehrgänge. Bei anderen Projekten habe ich zu irgendeinem Zeitpunkt beschlossen, sie zu beenden. Und jetzt kommt’s: Die Überlegung „aufhören oder weitermachen?“ habe ich auch bei den Projekten angestellt, die ich offiziell abgeschlossen habe. Meist sogar mehr als einmal.

Abbrechen, Hinschmeißen, Davonlaufen – das war für mich nie eine Option. Ich habe überlegt, wie es weitergehen soll. Was bringt es mir, dranzubleiben? Wofür und wovon bin ich frei, wenn ich aufhöre? Was verliere ich, wenn ich aufhöre? Das waren nicht immer nüchterne Überlegungen, da ging es nicht nur um Daten, Zahlen, Fakten, Kosten und Gewinn. Da ging es durchaus auch um Gefühle, oft war Ärger im Spiel, Wut, Trauer. Vielleicht war die eine oder andere Entscheidung falsch, und es wäre besser gewesen, früher aufzuhören oder länger weiterzumachen. Darüber nachzugrübeln, ist müßig.

Man muss nicht um jeden Preis dranbleiben, weitermachen, durchhalten . Wenn man Pech hat, geht man vor lauter Durchhalten nämlich vor die Hunde. Es ist auch keine gute Idee, bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Ich kann dir leider keine Zahlen nennen: Nach x Schwierigkeiten vom Grad y ist es sinnvoll, ein Projekt, eine Beziehung, eine Aktivität zu beenden.

Entscheidend ist, sich immer wieder zu überlegen, was gerade passiert, was mein Beitrag ist, was so bleiben soll, was sich ändern soll, was ich ändern kann. Dann gehst du nämlich Schritt für Schritt für Schritt weiter auf deinem eigenen Weg. Gehvermögen statt Stehvermögen.


Hinterlasse einen Kommentar

Gibt es schlechte Entscheidungen?

Ein ganz normales Meeting der Lakeshore Speakers Neuchâtel*): Reden, Bewertungen, Stehgreifreden. Mich trifft die Frage: „Was war die schlechteste Entscheidung deines Lebens?“ Ich darf 30 Sekunden denken und dann zwei Minuten lang antworten.

Gibt es überhaupt schlechte Entscheidungen? Lernt man nicht aus jeder Entscheidung etwas, das einem hilft, es in Zukunft besser zu machen? Mir ist diese Überlegung zu einfach.

Gut oder schlecht entschieden?

Heirat und Scheidung, Abtreibung oder Kind, Gehen oder Bleiben? Ich habe keinen Zugriff auf ein Parallelleben, in dem ich mir anschauen könnte, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich anders entschieden hätte. Wenn ich mit einer Entscheidung unzufrieden bin, werde ich nie sagen können, ob mich die Alternative zufriedener gemacht hätte.

Was würde ich rückgängig machen?

Ein Frühlingstag im Jahr 1976, in ein paar Wochen mache ich mein Abi. Und, na klar, werde ich bestehen. Und dann gehe ich auf die Dolmetscherschule. Englisch. Französisch. Russisch. Ich bin aufgeregt, freue mich.  Nein, sagt mein Vater, ist nicht drin. Du kannst eine Lehre machen. Meine Mutter nickt. Keine weitere Diskussion.Ist das klar? Keine Diskussion!

Und ich entscheide schweigend: „Dann werde ich eben mittelmäßig. Sie werden schon sehen, was sie davon haben.“ Besonders mein Vater hatte, so dachte ich, eine strenge Strafe verdient. Ich beschloss, nichts mehr richtig gut und manches richtig schlecht machen. DAS machte ich ein paar Jahre lang dann ganz ausgezeichnet!

Böses Erwachen

Sechs Jahre später kommt mein Sohn zur Welt. Und das Baby bringt mich endlich dazu, die Mittelmäßigkeit abzulegen. Der Kleine hat ein Top-Mutter verdient! Doch ich hatte etliche Fähigkeiten lange brachliegen lassen. Sie zu reaktivieren, war verdammt mühsam, ein paar Züge waren abgefahren, anderen spurtete ich nun hinterher. Und das Dümmste: Meinem Vater, den ich ja hatte bestrafen wollen, war das alles völlig egal.

Fazit

Vielleicht gibt es tatsächlich keine schlechten Entscheidungen, weil man ja aus jeder etwas lernt. Doch die Entscheidung, sich selbst schlecht zu machen, um jemand anderen zu bestrafen – die ist ganz schön blöd. Das Gute: Ich brauche sie nicht zu wiederholen. Und DU kannst von Anfang an anders entscheiden.

*) Die Lakeshore Speakers Neuchâtel sind ein Toastmasters Club. Da kommt man auf solche und viele andere gute Ideen.


Hinterlasse einen Kommentar

Reden ist Gold

Janas Tipp, wie ich meine Lieblingsgeschichte noch besser erzählen könnte, war gigantisch. Meine Heldin würde ein klein wenig anders gucken, ihre Stimme würde rauchig klingen, wenn sie sagt „Wanja, ich will das nochmal!“  Jede Geste, jeden Schritt sah ich vor meinem inneren Auge. Ganz genau so würde ich die Geschichte beim nächsten Mal erzählen. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.

Gold

Dann ging es los. Doch plötzlich erwartete mein Publikum von der „neuen“ Heldin etwas anderes, als ich erzählen wollte. Die Erkenntnis kam so plötzlich und überraschend, dass ich die Geschichte nicht mehr spontan umstellen konnte.

Natürlich habe ich sie irgendwie zu Ende erzählt. Es wurde auch gelacht und geklatscht. Aber anschliessend sind einige Leute zu mir kommen und haben erzählt, dass ihre Ehemänner oder Ehefrauen auf dem Heimweg die Geschichte würden erklären müssen.

Das war nicht geplant! Doch wie konnte das passieren? Bei Toastmasters sagen wir: „If you fail to prepare you prepare to fail.“ Das bedeutet in etwa: “Wenn du dich nicht vorbereitest, sei darauf vorbereitet zu scheitern.”

Tja, ich hatte mir alles vorgestellt, die Stimme, die Gesten, die Blicke. Aber ich hatte – sagen wir mal – darauf verzichtet, die Geschichte noch ein-, zwei-, dreimal laut zu erzählen. Ich kannte die  Wörter noch nicht, die nötig sind, den neuen Charakter meiner Heldin auszudrücken. Ich wusste nicht, mit welchen Redewendungen und Sätzen ich ihr neues Verhalten beschreiben kann.

Mein Erzähllehrer Norbert Kober hat die Sprache als „Muskel“ bezeichnet, der genauso trainiert werden muss wie Bauch-Beine-Po. Sprechen lernt man durch Sprechen. Ob eine Formulierung, die auf dem Papier oder in der Vorstellung toll aussieht, auch funktioniert, merkt man erst, wenn man sie laut ausspricht.

Also bitte: Scheitere zu Hause, unter der Dusche, vor dem Spiegel, vor dem Sessel, in dem dein Teddybär sitzt und dir zuhört, beim Spazierengehen. Du wirst sehen, spätestens beim dritten Mal bekommt deine Geschichte, deine Präsentation einen „Zug“: Die richtigen Wörter stellen sich immer besser zu richtigen Sätzen zusammen, deine Zunge und dein Atem wissen, wie sie die Klänge erzeugen müssen, die du brauchst. Toi-toi-toi.