Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Geschichten übers Schreiben, Erzählen, Heiraten. Und über Geschichten


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Stāsti krēslā – Geschichten in der Dämmerung. Teil 6

Meine Reise zum Erzählfestival nach Valmiera, 6. bis 9. Oktober 2016

Workshops

Am Freitagnachmittag und am Sonntagmorgen waren unter dem Titel „Austriešu stāstnieces Rosvitas Menkes meistarklase“ (jawoll!) zwei Workshops angesetzt, jeweils knapp anderthalb Stunden. Kleine Zusatzherausforderung: Einige Leute haben nur am Freitag teilgenommen, andere nur am Sonntag, mehr als 50 Prozent an beiden Tagen. Und natürlich sprachen die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer weder deutsch noch englisch. Aber Guntis und ich haben uns in den drei Tagen zu einem ganz guten Erzähl- und Lehrteam entwickelt.

Wegen der Sprachbarriere und der kurzen Zeit habe ich kaum Übungen eingebaut – ein bisschen „öffentliches Brainstorming“, Fragen und Antworten und Diskussionen waren leider die einzigen echten Interaktionen.

So entspann sich am Sonntag eine heiße Diskussion darüber, wie viel eigene Emotionen eine Erzählerin zeigen darf (darf man auf der Bühne weinen?) und wie „wahr“ eine Geschichte sein darf. Mit der Gegenfrage „Was ist denn eigentlich Wahrheit?“ bin ich erwartungsgemäß nicht sehr weit gekommen. Darüber hinaus waren auch das Erzählwertdreieck sowie die Auswahl und das Erarbeiten von Geschichten Themen, für die sich die Teilnehmer sehr interessierten.

Sie haben viel gelernt, sagen sie. Ich auch.


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Pssst – und du bekommst, was du willst

Jean Giraudoux«Wer seinen Willen durchsetzen will, muss leise sprechen.»
(Jean Giraudoux, frz. Schriftsteller, *1882, +1944)

Vor langer, langer Zeit habe ich versucht, Klarinette zu spielen. Mein Lehrer liebte leidenschaftlich die schönen Töne. Nicht nur treffen sollte ich den Ton, und zur rechten Zeit die Finger bewegen, um zum nächsten zu wechseln. Nein, vom ersten Moment, da ich versuchte, die Lippen so zu spannen, dass das Instrument einen Laut von sich gab, sollte der Ton auch schön klingen. Nicht die Melodie war wichtig, sondern das bewusste An- und Abschwellen des Tons. Das Forte durfte nicht kieksen, das Pianissimo nicht brummen. Ein ganz, ganz leiser Ton sollte so rein und leicht sein, dass er dennoch bis ans Ende eines großen Saals würde fliegen können. Gut, dass des Lehrers Stübchen klein war – da hatten meine leisen Töne nur einen kurzen Weg!

Seit ich Geschichten erzähle, erinnere ich mich oft an diese Übungen. Jetzt ist meine Stimme mein Instrument, und ich spüre an meinen Zuhörerinnen und Zuhörern, ob und wie die Töne bei ihnen ankommen. Ich habe auch heute wieder einen Lehrer, und der ist genau wie der Klarinettenlehrer in schöne Töne verliebt. Kann man «leise» lernen? Probier es aus:

  • Ich stelle mir vor, dass mein ganzes Ich ein durchlässiger Resonanzkörper ist. Die Stimme kommt nicht nur aus der Kehle oder der Brust, sondern quasi aus dem kleinen Zeh
  • Ich stelle mir vor allem vor, dass meine Kehle ganz offen ist. Leise Sprechen ist nämlich nicht Flüstern (und Flüstern ist verd… anstrengend; tu dir das nicht an)
  • Ich schaue meinen Tönen nach und spreche erst weiter, wenn sie in der letzten Reihe angekommen sind

Und was bringt’s? Tatsächlich mögen Menschen leise Töne. Augen öffnen sich weiter, Köpfe schieben sich vor, Hände spannen sich an. Meine leisen Sätze dringen in die Ohren und in die Herzen, und wenn ich wieder auf normale Lautstärke wechsle, scheint es, als entspannten sich meine Zuhörer, als hätten sie gerade einen Schluck guten Rotweins gekostet.

Ich bin sicher, dass Herr Giraudoux Recht hat: Wenn du deinen Willen durchsetzen willst, sprich leise.