Erlesenes, Erlogenes, Erlebtes

Nachdenken übers Texten, Erzählen, Heiraten … Leben


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Kannichnich, und …

Was Klavier- und Golfspielen gemeinsam haben? Na ja: Ich durfte die 50 (deutlich) überschreiten, um erst mit dem einen, dann mit dem anderen zu beginnen.

Klavier

Blöderweise bin ich in beiden Disziplinen alles andere als ein Naturtalent. Im Gegenteil. Und da ich nicht so viel Aufwand ins Üben stecke, wie ich vielleicht müsste, sind Fortschritte nur schwer auszumachen.

Noch vor zehn Jahren hätte ich Klavier und Golf ganz schnell in der Schublade «interessiert mich doch nicht» verstaut. Jetzt bleibe ich dran. Mehr noch: Es macht sogar Spaß! Der Dank dafür geht erst mal an meine geduldigen Lehrenden: Elisabeth, Alec, Sebastian geben mir nie das Gefühl zu versagen, weil ich nur langsam weiterkomme.

Ich muss ihnen nichts beweisen, dir, euch und Ihnen nichts und mir selbst schon gar nichts. Also genieße ich, was ich tue, und freue mich von Herzen an kleinen Dingen. Das müssen nicht einmal Erfolge sein: die morgendliche, nur vom Nieselregen unterbrochene Stille auf dem Golfplatz, die glatten Klaviertasten unter meinen Fingern.

Konzentration auf das, was ich gerade tue, und das Gedankenkarussell im Kopf steht still. Aktive Meditation. Freude statt Ehrgeiz. Spaß am Kannichnich. Vielleicht muss frau dazu wirklich erst die 50 überschreiten.


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Wut

«Was machst du da oben im Norden eigentlich? Urlaub oder was?»

Gute Frage! Es ist mehr «oder was». In der letzten Woche habe ich (auch) Artikel für ein Kundenmagazin geschrieben, am Jahresbericht einer Gesundheitsorganisation gearbeitet, mit der Übersetzung einer Biografie begonnen. Für den Blog vermutlich nicht so besonders spannend.

Und geprobt habe ich… anders als sonst. Wenn man nämlich hinter dem Café Zollhaus links abbiegt und dann so lange fährt, bis es nicht mehr weitergeht, dann kann man anschließend über den Deich laufen. Auf der anderen Seite ist ein geteerter Weg.

Da ist dann niemand. Ein paar Möwen vielleicht und andere Vögel, deren Namen ich nicht kenne. Und, wenn man dem Plakat in dem Informationsstand bei dem kleinen Parkplatz glauben darf, ganz viel Getier, das ich nicht sehen kann. Leckerbissen für all die Vögel, die hier Rast machen oder sogar brüten. Aber sonst hört niemand zu.

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Also erzähle ich dort. Dem Wind, dem Gras, dem Meer, den Möwen, vielleicht noch dem Autozug nach Sylt, der in der Ferne vorbeifährt. Ich erzähle von Wut. Wie sich Kain vom Dämon der Wut überwältigen ließ, von Rumpelstilzchen, das sich vor lauter Wut mittendurch gerissen hat, und von Prometheus, der so wütend auf Zeus war, dass er …

Kommst du hinhören? Freitag, 26. Februar, 19.00 Uhr im Herzkraftwerk, Budapester Straße 47 in St. Pauli. Sag schnell Bescheid: 0151 546 32027. Es kostet 15 Euro (bzw. 25, wenn du auch etwas essen und trinken möchtest).


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Auftauen

«Auf die sternklare Nacht mit Temperaturen bis minus 7° folgt ein eisiger Morgen. Trotz Sonnenschein werden die Temperaturen im Laufe des Tages nicht über plus 4° ansteigen.»

Als der Wecker um Viertel nach sechs klingelt, ist es stockfinster, aber eine knappe Stunde später darf ich mich über das Grauen des Morgens freuen, und schon bald  leuchtet es vor dem Fenster. T-Shirt-Wetter könnte man denken, doch der weiß gefrorene Garten (ja! echt! das IST der Garten zu diesem wunderbaren Haus!) zeigt, dass der Wettermann aus dem Radio Recht gehabt hat.

Egal. Ich hab zu tun. Volle Konzentration bis zum Mittag. Die Autoscheiben sehen wieder durchsichtig aus. Es wäre schade, diesen Sonnentag einfach so verstreichen zu lassen. Niebüll hab ich gestern angeguckt, da hatte das Museum für moderne Kunst geschlossen. Heute fahre ich weiter Richtung Süden. «Mehr! Mehr!», schrie der Häwelmann, «mehr, mehr!»

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In den Gassen, im Schlosspark, im Buch- und im Bioladen glaube ich den Satz wiederzuhören. Den Satz von damals, vor vielen, vielen Jahren. Sie saß mir in einem Münchner Restaurant gegenüber, bleich, durchsichtig, von der Krankheit gezeichnet: «Das kann doch nicht sein. Mein Gott, ich bin erst zweiunddreißig.» Ich habe mich nicht getraut, sie über Leben und Sterben zu befragen, sie war doch erst zweiunddreißig. Ein paar Monate später war sie tot. Heute hat sie mich durch ihre Heimatstadt begleitet. Schön!

 

 


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Stehvermögen – Gehvermögen

Er war 18 und fuhr einen hellblauen Käfer. Ich war 14 und schwer beeindruckt. Eines Tages sagte er zu mir: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“ Ich wusste nicht, wie er darauf gekommen war, aber der Satz blieb. Eine unumstößliche Wahrheit in meinem Leben.

Dann kamen sie, diese Situationen, die ich vor dem offiziellen Ende beendete: Beziehungen (wenn es für die überhaupt ein ‚offizielles Ende‘ gibt), das Studium, das Flöten- und das Klarinettenspiel … Und jedes Mal wusste ich mit schlechtem Gewissen: „Du hast ja sowieso kein Stehvermögen.“

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Gestern dann im Toastmasters Club Bern: Ein Vorstandsmitglied erzählt von den über 40 Reden, die ich in den letzten sieben Jahren gehalten habe, von den Mitgliedern, deren Mentorin ich war, von meiner Arbeit als Präsidentin, von Workshops, die ich geleitet habe. Sie überreicht mir die Urkunde, die Anstecknadel und ein Geschenk des Vorstands. Ein Vorbild sei ich. Vor allem hinsichtlich – Achtung! – Stehvermögen.

Ich war erfreut, gerührt, stolz. Und ich frage mich: Wie ist das jetzt mit meinem Stehvermögen? Hab ich’s oder hab ich’s nicht?

Der Blick zurück zeigt, was vermutlich jeder erwartet hat: Bei vielem war ich bis zum offiziellen Ende dabei, Schule, Ausbildung, Lehrgänge. Bei anderen Projekten habe ich zu irgendeinem Zeitpunkt beschlossen, sie zu beenden. Und jetzt kommt’s: Die Überlegung „aufhören oder weitermachen?“ habe ich auch bei den Projekten angestellt, die ich offiziell abgeschlossen habe. Meist sogar mehr als einmal.

Abbrechen, Hinschmeißen, Davonlaufen – das war für mich nie eine Option. Ich habe überlegt, wie es weitergehen soll. Was bringt es mir, dranzubleiben? Wofür und wovon bin ich frei, wenn ich aufhöre? Was verliere ich, wenn ich aufhöre? Das waren nicht immer nüchterne Überlegungen, da ging es nicht nur um Daten, Zahlen, Fakten, Kosten und Gewinn. Da ging es durchaus auch um Gefühle, oft war Ärger im Spiel, Wut, Trauer. Vielleicht war die eine oder andere Entscheidung falsch, und es wäre besser gewesen, früher aufzuhören oder länger weiterzumachen. Darüber nachzugrübeln, ist müßig.

Man muss nicht um jeden Preis dranbleiben, weitermachen, durchhalten . Wenn man Pech hat, geht man vor lauter Durchhalten nämlich vor die Hunde. Es ist auch keine gute Idee, bei der ersten Schwierigkeit aufzugeben. Ich kann dir leider keine Zahlen nennen: Nach x Schwierigkeiten vom Grad y ist es sinnvoll, ein Projekt, eine Beziehung, eine Aktivität zu beenden.

Entscheidend ist, sich immer wieder zu überlegen, was gerade passiert, was mein Beitrag ist, was so bleiben soll, was sich ändern soll, was ich ändern kann. Dann gehst du nämlich Schritt für Schritt für Schritt weiter auf deinem eigenen Weg. Gehvermögen statt Stehvermögen.


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Der Schweinehund und die Sanduhr

Die Projektmanagementtagung 2014 ist Geschichte. Natürlich lernt man am meisten, wenn selbst einen Vortrag hält oder einen Workshop leitet. Ich hatte mein Aha-Erlebnis dieses Mal jedoch schon VOR meinem Workshop bei einer kleinen Plauderei mit dem Zeitmanagement-Spezialisten Ivan Blatter. Ich wollte wissen, ob er ihn auch kenne, diesen inneren Schweinehund (im Bild „Günter“).

Schweinehund_Günter

Als Profi-Zeitmanager sollte er doch eigentlich nicht … „Oh doch“, war die tröstende Antwort. Er kenne ihn gut. Und er habe einen stillen Trick.

Ich habe den stillen Trick kopiert. Er geht so:

  1. Besorge dir eine Sanduhr, die zehn Minuten misst
  2. Lege alles bereit, was du für die unangenehme Aufgabe brauchst, die du angehen willst/musst
  3. Stelle die Sanduhr so auf, dass sie nicht direkt in deinem Blickfeld ist, aber auch nicht zu weit weg
  4. Du weisst, dass du jetzt nur zehn Minuten an deiner Aufgabe arbeiten willst. Drehe also die Sanduhr um und leg los

 

Wenn du jetzt wieder auf die Sanduhr guckst,

  • bist du entweder mit der Aufgabe fertig
  • oder du bist so im Schwung, dass es nicht wichtig ist, dass die Sanduhr abgelaufen ist
  • oder es ist tatsächlich Zeit, etwas anderes zu tun. Dann hast du aber zehn Minuten an deiner Aufgabe gearbeitet

Sehr praktisch! Und übrigens: Für die meisten Arbeiten braucht man viel weniger Zeit als man sich vorgestellt hat. Das Abtauen und Putzen meines Kühlschranks war in 35 Minuten erledigt und … o je … wie lange hatte ich es vor mir hergeschoben!


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Leben oder Bloggen?

Nichts sagen - von Heidi Gerber

Figur: Heidi Gerber, Gümligen

„Ich hab schon so lange nichts mehr von dir gehört, und dein letzter Blogbeitrag ist Monate her – da hab ich wirklich gedacht, bei dir ist etwas nicht in Ordnung.“ – Wie schön, wenn sich jemand um einen sorgt! Und zum Glück hat die Dame dann doch noch zum Telefon gegriffen und durfte feststellen, dass ich lebe und es mir gut geht.

Tja, wie kommt’s, dass der letzte Beitrag schon Monate her ist? Ich hatte mir doch ganz fest vorgenommen, jede Woche einen Beitrag zu verfassen und online zu stellen. Ja, ich hatte mir im Dezember sogar 52 Themen notiert, so dass ich tatsächlich jede Woche etwas hätte schreiben können.

Und dann war das richtige Leben schneller und stärker. Es hat mich in Anspruch genommen, körperlich, geistig, seelisch. Nein, nein, ich war nicht krank, ich hatte gut zu tun.

Hm, aber hätte ich dann nicht über diese Themen schreiben können, die mich beschäftigt haben? – Nein! Denn es gibt Dinge im Beruf wie im Privatleben, die ich nicht mit aller Öffentlichkeit teilen möchte. Es gibt Projekte, die in frühen Phasen viel Aufmerksamkeit verdienen – aber nicht von jedermann und jederfrau.

Meine uneingeschränkte Bewunderung gilt den Menschen, die jede Woche oder gar jeden Tag einen interessanten Blogbeitrag verfassen. Bei mir war das Leben stärker als der Blog, und das ist völlig in Ordnung.

Ich freue mich, wenn du trotzdem von Zeit zu Zeit reinschaust und liest, was ich zu sagen habe. Wenn du kommentierst, wenn du dich auf einen Austausch einlässt. Dann antworte ich nämlich auch. Versprochen!


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Für Präsentatoren und Geschichtenerzähler: die Viertelstunde, bevor’s losgeht

Ein nützlicher Beitrag mit vielen guten Tipps: http://www.businessinsider.com/what-to-do-15-minutes-before-presentation-2014-5#!JGN4H

Mich überzeugt das Zitronenwasser nicht sonderlich, aber alle anderen Vorschläge haben sich bestens bewährt.


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Reden ist Gold

Janas Tipp, wie ich meine Lieblingsgeschichte noch besser erzählen könnte, war gigantisch. Meine Heldin würde ein klein wenig anders gucken, ihre Stimme würde rauchig klingen, wenn sie sagt „Wanja, ich will das nochmal!“  Jede Geste, jeden Schritt sah ich vor meinem inneren Auge. Ganz genau so würde ich die Geschichte beim nächsten Mal erzählen. Die Vorfreude kribbelte in meinem Bauch.

Gold

Dann ging es los. Doch plötzlich erwartete mein Publikum von der „neuen“ Heldin etwas anderes, als ich erzählen wollte. Die Erkenntnis kam so plötzlich und überraschend, dass ich die Geschichte nicht mehr spontan umstellen konnte.

Natürlich habe ich sie irgendwie zu Ende erzählt. Es wurde auch gelacht und geklatscht. Aber anschliessend sind einige Leute zu mir kommen und haben erzählt, dass ihre Ehemänner oder Ehefrauen auf dem Heimweg die Geschichte würden erklären müssen.

Das war nicht geplant! Doch wie konnte das passieren? Bei Toastmasters sagen wir: „If you fail to prepare you prepare to fail.“ Das bedeutet in etwa: “Wenn du dich nicht vorbereitest, sei darauf vorbereitet zu scheitern.”

Tja, ich hatte mir alles vorgestellt, die Stimme, die Gesten, die Blicke. Aber ich hatte – sagen wir mal – darauf verzichtet, die Geschichte noch ein-, zwei-, dreimal laut zu erzählen. Ich kannte die  Wörter noch nicht, die nötig sind, den neuen Charakter meiner Heldin auszudrücken. Ich wusste nicht, mit welchen Redewendungen und Sätzen ich ihr neues Verhalten beschreiben kann.

Mein Erzähllehrer Norbert Kober hat die Sprache als „Muskel“ bezeichnet, der genauso trainiert werden muss wie Bauch-Beine-Po. Sprechen lernt man durch Sprechen. Ob eine Formulierung, die auf dem Papier oder in der Vorstellung toll aussieht, auch funktioniert, merkt man erst, wenn man sie laut ausspricht.

Also bitte: Scheitere zu Hause, unter der Dusche, vor dem Spiegel, vor dem Sessel, in dem dein Teddybär sitzt und dir zuhört, beim Spazierengehen. Du wirst sehen, spätestens beim dritten Mal bekommt deine Geschichte, deine Präsentation einen „Zug“: Die richtigen Wörter stellen sich immer besser zu richtigen Sätzen zusammen, deine Zunge und dein Atem wissen, wie sie die Klänge erzeugen müssen, die du brauchst. Toi-toi-toi.


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This is a really, really big honour and I want to thank the Hollywood Foreign press association. Oh wait sorry that’s the wrong speech. This is the Golden Globes speech I never got to give.

Mit diesem Scherz begann Matt Damon am Abend des 21. Januar 2014 seine Dankesrede für den Crystal Award in Davos. Den Award hat er für seinen Einsatz für sauberes Wasser bekommen (www.water.org). Mehr als verdient! Wir alle können mit kleinem Einsatz helfen, vielen Menschen den Zugang zu sauberem Wasser zu erleichtern. Und je mehr ich auf der Suche nach der kompletten Rede über die Menschen ohne Zugang zu Wasser lese, desto genauer weiß ich, dass ich mich hier engagieren werde.

Dennoch erzähle ich dir jetzt keine Wassergeschichte, sondern schreibe einmal mehr über das Reden. Als ich Matt Damon heute Morgen im Radio hörte, habe ich mich gefragt, ob der Schauspieler diese Golden-Globe-Rede wirklich im Kopf, in der Tasche, auf dem Computer gespeichert hat. Wie viele echte, gute Reden könnte ich aus dem Stegreif halten? Zugegeben, nicht besonders viele.

Dabei ist die Vorstellung verlockend: Ein paar klare Sätze, eine Mini-Geschichte, ein Argument. Wenn ich mir diese Sätze abrufbereit in eine Schublade meines Gehirns packe, dann habe ich den richtigen Text in petto, wenn ich mich vorstellen muss, wenn ich jemandem erzählen möchte, was ich tue, wenn ich über mein Anliegen, mein Steckenpferd, mein Herzensprojekt, mein Engagement bei den Toastmasters und – künftig – bei water.org reden möchte.

Tja, wenn ich diese Sätze abrufbereit in einer Schublade im Gehirn hätte, dann wäre es leichter, meine Mitmenschen mit meiner Begeisterung anzustecken, sie zu überzeugen. Zum Glück hindert mich nichts, meine Gehirnschubladen nach und nach mit solchen Geschichten und Reden zu füllen.

Wie ist das bei dir?